Predigt zum Hochfest der Aufnahme Mariens in den Himmel 2007
In der Geschichte der christlichen Kunst finden wir im Wesentlichen drei Darstellungen Jesu mit seiner Mutter:
die Madonna mit dem Kind,
dann gut dreißig Jahre später, als sie wieder Jesus im Arm hält, aber diesmal den Leichnam ihres am Kreuz hingerichteten Sohnes, die Pietà, die Schmerzensmutter,
und schließlich das heutige Festgeheimnis:
Vor ein paar Wochen habe ich in Mexiko den Vorgang so dargestellt gesehen, dass Jesus von seinem Thron herab
seiner Mutter entgegeneilt, um sie in die Arme zu nehmen und seinem Vater und dem Heiligen Geist zuzuführen.
Interessanterweise finden wir in der christlichen Ikonographie kaum je eine Darstellung des Auferstandenen mit seiner Mutter. Es ist, als hätte sie selbst ihren eigenen Tod noch durchmachen müssen, bevor sie ihren gekreuzigten Sohn wirklich wiederhat.
Jetzt aber - und das feiern wir am heutigen Tag - gilt für sie in einem ganz ausgezeichneten Sinn, was der Herr zu allen Erlösten sagt: "Kommt, ihr Gesegneten meines Vaters, und nehmt das Reich in Besitz, das von Ewigkeit her für euch bereitet ist!"
Das heutige Fest sagt uns etwas über den Himmel, über den Leib und über die Frau.
Was ist der Himmel? Himmel, das ist nicht ein physikalischer Ort (etwa hoch oben über den Wolken), es ist gar nicht so sehr ein Wo, sondern eher ein Wie, nicht so sehr ein Ort, sondern eher ein Zustand: Himmel ist, wo Gott wohnt.
Noch besser: Himmel ist Beziehung, Himmel heißt: mit Gott sein! Und nun schauen sie, was die Liturgie des heutigen Festtages in nicht enden wollendem Lobpreis immer neu über sie sagt:
"Herrliches sagt man von dir, Jungfrau Maria!"
"Du trugst den Schöpfer, der dich schuf."
Vielleicht haben wir uns schon viel zu sehr an den Titel "Gottesmutter" gewöhnt. Die marianische Antiphon "Alma Mater" sagt:
"Tu quae genuisti natura mirante tuum sanctum genitorem - Du, die du zum Staunen der Natur deinen heiligen Schöpfer geboren hast!"
"Dem allmächtigen Gott wurdest du Mutter,
hast dem Herrn, der dich schuf, Wohnung bereitet."
Wie könnte er dir, die du ihm auf Erden zur Wohnung geworden bist, nicht jetzt für immer im Himmel eine Wohnung bereiten, auch und ausdrücklich dem Leib, der zur Wohnung des Gottessohnes wurde, zum Zelt Gottes unter den Menschen.
Sollen wir sagen: Sie war ja schon einmal neun Monate lang der Himmel? Wenn Himmel dort ist, wo Gott wohnt, dann war Maria schon einmal neun Monate lang Himmel, als Gott unter ihrem Herzen, in ihrem Schoß Wohnung genommen hatte. Die Liturgie sagt: "In dir, Maria, hat Gott wie im reinsten strahlenden Himmel sein Zelt errichtet."
Einer der ältesten Titel der Gottesmutter lautet "Porta Caeli - Pforte des Himmels". Sie ist die Pforte, durch die der Himmel auf die Erde kam. Sie ist nun auch die Pforte, durch die die Erde in den Himmel kommt. Jetzt steht der Himmel offen, die Pforte des Paradieses, die seit Eva verschlossen war!
"Der Himmel öffnet sich in dir,
zur Heimkehr steht der Weg uns frei."
Ahnen Sie, wie das einmal sein wird: Wenn alles gut sein wird!!! Jesus, ja der ganze Himmel sehnt sich danach, streckt sich aus, damit Sie und ich wirklich die ewige Glückseligkeit finden, dass es gut ausgeht mit uns, dass auch wir eines Tages sagen können: "Es ist wirklich alles gut!"
Eingangs haben wir gesagt, das heutige Fest enthalte eine Botschaft über den Himmel, über den Leib und über die Frau. Als erste von uns allen wird sie mit Leib und Seele in den Himmel
aufgenommen.
In der Geschichte des Christentums gibt es ja eine lange leidvolle Tradition der Leibfeindlichkeit. Obgleich die originäre jüdisch-christliche Überlieferung der Bibel beider Testamente im Großen und Ganzen eine sehr positive Sicht des menschlichen Leibes widerspiegelt, hat sich doch im Laufe der Jahrhunderte durch mannigfache Einflüsse eine Sichtweise breitgemacht, dass die Seele im Menschen das Gute und der Leib das Schlechte oder gar das Böse sei, der Sitz der Sünde, nicht zuletzt im Bereich der Sexualität. Der Leib erscheint oftmals geradezu als das Gefängnis der Seele, das "Fleisch" mit all seinen negativen Konnotationen, mit seiner Schwerkraft, das den Aufstieg des Geistes und der Seele behindert. Jüdisch-christliches Denken hat demgegenüber immer schon festzuhalten versucht, dass der Leib Schöpfung Gottes und darum gut und wertvoll ist. Die Menschwerdung Gottes im Schoß einer Frau hat dem menschlichen Leib erst recht eine neue Würde gegeben: Gott, sein ewiges Wort ist Fleisch geworden im Schoß dieser Frau. Und nun lehrt und feiert die Kirche, dass nicht nur unsere Seele unsterblich ist,
sondern dass Maria als erste von uns mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen worden ist!
Wie das mit uns einmal sein wird, wissen wir nicht. Auch wenn dieser Leib sterblich ist, so werden wir doch in alle Ewigkeit einen Leib haben, ähnlich dem auferstandenen Herrn, der zwar durch verschlossene Türen geht, aber sich etwas zu essen geben lässt, damit die Jünger sehen, dass er kein Geist ist, und der dem Thomas erlaubt, seine Finger in seine Wunden zu legen. Achten und schätzen wir also unseren Leib, den Gott uns geschenkt hat!
Schließlich wird heute eine Frau in den Himmel gehoben, ganz hinein in die Herzmitte des dreifaltigen Gottes. So groß denkt Gott vom Menschen, so groß denkt er von der Frau! Er freut sich, wenn wir Maria loben und verehren, wie ein Künstler sich freut, wenn die Menschen von seinem Werk begeistert sind.
Er hat sie ja erwählt und zu sich in den Himmel erhoben. Er ist enttäuscht, wenn wir sie nicht loben und preisen, und ist glücklich, wenn wir ihm zustimmen und es ihm gleichtun.
Ahnen Sie schließlich, was seelisch in einem Mann vorgeht, der eine Frau krönt? Die Kirche leitet ihre Töchter und insbesondere ihre Söhne an, zu Maria aufzuschauen, sie zu verehren, sie zu krönen, zu schmücken, sie als unsere Mutter und Königin zu betrachten. Das muss Auswirkungen darauf haben, wie wir katholische Männer mit Frauen überhaupt umgehen. Wer sich vor einer Frau beugen kann, der begegnet nicht nur Maria, sondern hoffentlich allen Frauen mit größter Ehrfurcht, schaut zu ihnen auf, ehrt sie als die, die das Geheimnis des neuen Lebens in sich tragen.
Lassen Sie mich schließen mit einem Wort des II. Vatikanischen Konzils, jener großen vom Heiligen Geist geleiteten Bischofsversammlung der Moderne über Maria:
"Die Mutterschaft Mariens - dauert unaufhörlich fort - bis zur ewigen Vollendung aller Auserwählten. In den Himmel aufgenommen - fährt (Maria) fort, uns die Gaben des ewigen Heils zu erwirken. In ihrer mütterlichen Liebe trägt sie Sorge für die Brüder und Schwestern ihres Sohnes, die noch auf der Pilgerfahrt sind und in Gefahren und Bedrängnissen weilen, bis sie zur ewigen Herrlichkeit gelangen.
Eine solche Aufgabe Mariens zu bekennen, zögert die Kirche nicht, sie erfährt sie auch ständig und legt sie den Gläubigen ans Herz, damit sie unter diesem mütterlichen Schutz dem Mittler und Erlöser inniger anhangen."
So lassen sie uns viel zu ihr beten, etwa das kleine, uralte Gebet des Ave Maria, dessen erster Teil ja ganz biblisch ist: Wir wiederholen, was Gott selbst durch seinen Engel zu ihr sagt: Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir! Und dann, was Elisabeth vom Heiligen Geist erfüllt spricht: Du bist gesegnet unter allen Frauen, und gesegnet ist die Frucht deines Leibes, Jesus.
Und dann bitten wir sie, unsere Mutter, dass sie uns beisteht in den beiden wichtigsten Augenblicken unseres Lebens:
Jetzt (der wichtigste Augenblick ist immer der gegenwärtige), jetzt und in der Stunde unseres Todes,
damit wir dorthin finden, wo Christus mit ausgebreiteten Armen auf uns wartet.
© 2007 Michael Schapfel