Messe nach dem Papstbesuch
am 20. April 2008


Liebe Schwestern und Brüder,

in den vergangenen fünf Tagen sind wir Zeugen eines einzigartigen Ereignisses geworden. Es begann schon auf dem Flugplatz, eigentlich schon während des Fluges, als der Papst sich nicht scheute, Journalisten gegenüber seine Scham zu zeigen angesichts dessen, dass Männer der Kirche sich über Jahre hinweg an Kindern vergangen haben. Dann die Ankunft auf dem Flughafen. Präsident Bush gab zum ersten Mal einem Besucher die Ehre, ihm entgegenzukommen und ihn bereits bei der Landung zu empfangen. Man mag über George W. Bush denken, was man will, und sicher gab es Seitenmotive, dennoch: Ähnlich wie beim Tod Johannes Paul II., als er nach Rom flog, um am Begräbnis des Papstes teilzunehmen, und vor seinem Leichnam niederkniete, so wusste er auch am Mittwoch, dass er noch keinen Gast wie diesen empfangen hatte. Nancy Pelosi, die Sprecherin des Parlaments . auch über sie mögen Sie unterschiedlicher Meinung sein . schämte sich nicht, vor dem Weissen Haus das Knie vor dem Nachfolger Petri zu beugen und seinen Ring zu küssen. "Der Papst ist in der Stadt!" Auch Menschen, die ihn nicht zu Gesicht bekamen, selbst solche, die weit weg von der Kirche sein mögen, sprachen darüber und spürten offenbar, dass von Dienstag bis Freitag ein besonderer Segen über Washington lag, als der Papst in der Stadt war.

Dann der Donnerstag: Ich bin um viertel nach vier aufgestanden, habe noch den Pfarrer von Williamsburg/Virginia mitgenommen, der in McLean übernachtet hatte, und fuhr mit einer der ersten Metros zum Stadion. Von kurz vor sechs bis nach acht habe ich dann zunächst Beichte gehört, Hunderte von Menschen wollten vor der Heiligen Messe mit dem Papst das Bußsakrament empfangen. Manche hatten seit zwanzig, dreißig Jahren nicht mehr gebeichtet und wohl morgens beim Aufstehen noch nicht gewusst, dass sie es heute tun würden. Aber es war offenbar ein Gnadentag; und das Bild der vielen Priester, die einfach auf zwei Stühlen den Gläubigen gegenübersaßen und ihnen in einer solchen Atmosphäre der Freude das erlösende Sakrament schenkten, mag das Seine dazu beigetragen haben, dass viele Menschen kamen, die es über Jahre hinweg nicht geschafft hatten, die Schwelle in einen Beichtstuhl hinein zu überschreiten.

Dann haben wir uns umgekleidet und sind in das Stadion eingezogen. Das Baseballstadion der Washington Nationals war an diesem Tag zu einem Gotteshaus geworden, war eine einzige Kirche, wurde zu einem Ort der Buße, des Gebetes und sogar des Fastens. Ich habe gehört, dass die vielen Kiosks, in denen man etwas zu essen kaufen konnte, alle eine Stunde vor Beginn der Heiligen Messe schlossen, um so dazu beizutragen, dass die Gläubigen, die zur Heiligen Kommunion gehen wollten, auch die eucharistische Nüchternheit einhielten. Es war "Papstwetter"! Es hätte auch den ganzen Tag über grauer Himmel sein und in Strömen regnen können. Man spürte im ganzen Stadion eine Spannung von jubelnder Begeisterung und gesammelter Atmosphäre. Wir sahen einen strahlenden Erzbischof Wuerl an einem der größten Tage seines Lebens. Er und sein Stab hatten den Tag hervorragend organisiert, wofür ihnen besonderer Dank gilt. Wir haben mutige Musik gehört . entgegen dem hierzulande gerne verbreiteten Eindruck, Benedikt XVI. bestünde strikt auf alter Musik. Sie haben auch bemerkt: Alle Messen des Papstes, auch die in der St. Patricks-Cathedral gestern mit den Priestern und Ordensleuten, wurden in englischer Sprache gefeiert!

Dann schließlich der Papst in seiner ganz eigenen leisen, scheuen Art, manchmal schier ungläubig lächelnd angesichts dessen, was ihm an Begeisterung und Zuneigung entgegenschlug. Zwischendrin kam mir der Gedanke: Johannes Paul II. mag seinem Nachfolger ins Ohr geflüstert haben: "Do not be afraid!" Dann folgte seine Ansprache, die man wieder und wieder wird lesen müssen (ähnlich wie die vor der UNO, die man erst recht nicht beim ersten Hören ausschöpfen kann), vorgetragen in dem beeindruckenden Selbstbewusstsein, als Nachfolger Petri in dieses Land gekommen zu sein, um seine Schwestern und Brüder zu stärken. Er sprach von der reichen Geschichte und vom Potential dieser Nation, von den aus dem Glauben an den Schöpfergott geborenen amerikanischen "Ursprungsideen" der Freiheit und der Gleichheit . nicht ohne an die amerikanischen "Ursprungssünden" der Verschleppung und Versklavung der Afrikaner und des an den amerikanischen Ureinwohnern begangenen Unrechts zu erinnern. Es war zu spüren, dass der Papst keine Angst hat, der Wahrheit ins Gesicht zu schauen. Er weiß um das große Wort Jesu: "Die Wahrheit wird euch frei machen!" So sprach er erneut klar die furchtbare Last des tausendfachen Missbrauchs Minderjähriger durch Priester an, ja traf schließlich in einer bis zum Schluss geheimgehaltenen persönlichen Begegnung mit Opfern in der Kapelle unserer Nuntiatur zusammen. Wir haben noch den Klang seiner Stimme in den Ohren, darum möchte ich ihn gerne in der Originalsprache zitieren:
"No words of mine could describe the pain and harm inflicted by such abuse. It is important that those who have suffered be given loving pastoral attention. Nor can I adequately describe the damage that has occurred within the community of the Church. Great efforts have already been made to deal honestly and fairly with this tragic situation, and to ensure that children . whom our Lord loves so deeply (cf. Mk 10:14), and who are our greatest treasure . can grow up in a safe environment. These efforts to protect children must continue. Yesterday I spoke with your Bishops about this. Today I encourage each of you to do what you can to foster healing and reconciliation, and to assist those who have been hurt. Also, I ask you to love your priests, and to affirm them in the excellent work that they do. And above all, pray that the Holy Spirit will pour out his gifts upon the Church, the gifts that lead to conversion, forgiveness and growth in holiness..
Noch vieles gäbe es zu dieser Heiligen Messe zu sagen.

Lassen Sie mich noch einen Moment am Ende der Heiligen Kommunion erwähnen, als Tausende von Menschen erneut in Begeisterung ausbrachen. Die Orgel intonierte das "Panis angelicus", dann brandete Jubel auf den Rängen auf, als die unverwechselbare Stimme erklang und auf dem Bildschirm das Gesicht von Placido Domingo erschien. "Panis angelicus fit panis hominum ." Das Brot der Engel wird zum Brot der Menschen. Das himmlische Brot macht ein Ende mit allen bisherigen Figuren und Idolen. O wunderbares Geschehen: Der Arme, der Sklave, der Demütige verspeist seinen Herrn! Da hielt es selbst den Papst nicht mehr auf seinem Thron, am Ende schritt er dem Maestro entgegen . und dann das große Bild: Placido Domingo, der Star der Bühnen dieser Welt, kniet vor dem Stellvertreter Christi auf Erden und küsst den Fischerring des Petrus. "There is no church like this!" brach es am Ende des Gottesdienstes aus dem Mund meines Nachbarn, "there is no church like this!"

Aber lassen Sie uns zum Schluss noch einmal tiefer fragen: Wie kommt es, dass ein 81-jähriger Bayer aus Marktl am Inn auf der Andrews Airforce Base, im Garten des Weißen Hauses, im Stadion der Washingtoner Nationals, in der Vollversammlung der Vereinten Nationen, auf der Fifth Avenue Manhattans, von den Medien dieser Nation, die es gewohnt ist, regelmäßig die bedeutendsten und mächtigsten Männer der Welt hier zu haben, so empfangen wird? Gläubige und bis zu einem gewissen Grad auch Ungläubige ahnen, dass es hier um mehr geht als um Joseph Ratzinger. Dieser Mann repräsentiert einen anderen. Lassen Sie uns noch einmal schauen, was "repraesentatio" meint: Es bedeutet nicht, dass ein Abwesender vertreten wird, sondern dass der Repräsentierte wirkmächtig gegenwärtig ist. Diesen Satz muss man mindestens ein zweites Mal hören: Nicht ein Abwesender wird vertreten, sondern der Repräsentierte ist wirkmächtig gegenwärtig. Darum gefällt mir auch das Wort "Stellvertreter Christi auf Erden" nicht so sehr, denn es wird gerade in seiner deutschen Fassung leicht in dem Sinn missverstanden, als vertrete der Papst den hier auf Erden abwesenden Christus. Dem ist aber gerade nicht so. Der Papst . ebenso wie etwa der Priester bei der Heiligen Messe . vertritt gerade nicht einen Abwesenden, sondern Christus wird in seiner Kirche neu gegenwärtig durch die, die ihn repräsentieren. Wenn der Priester die Wandlungsworte spricht, dann ist es Jesus selbst, der durch ihn sagt: "Das ist mein Leib . das ist mein Blut". Alleine um ihn geht es. Um ihn gegenwärtigzusetzen, sein Wort auszurichten, ihn wirksam werden zu lassen in dieser Welt, darum gibt es den Papst, darum gibt es den Priester.

Als die Menschen in Mexiko beim letzten Besuch Johannes Paul II. den Papst partout nicht gehen lassen wollten, sagte er zu ihnen: "Der Papst muss nach Rom. Aber Christus bleibt bei euch!" Bei aller Wehmut, dass der Papst Washington schon wieder verlassen hat und heute abend zurück nach Rom fliegen wird, wissen wir doch, dass Christus bei uns bleibt. Er, der doch noch viel bedeutender und wichtiger ist als der Papst, ist allezeit bei uns. Man kann ihn ohne Ticket in allen Tabernakeln unserer Kirchen besuchen. Und wir können etwas weit Größeres erleben, als vielleicht einmal dem Papst die Hand zu schütteln: In der heiligen Kommunion kommen wir Christus näher, als wir je dem Papst nahekommen könnten: Der Panis angelicus, das Brot der Engel, wird zum Brot der Menschen, er wird uns zur Speise. Diesem unfassbaren Geschenk fiebern unsere Kommunionkinder entgegen. Heute in zwei Wochen wird es so weit sein.

So danken wir Jesus, dass er in dieser Woche im Nachfolger des Petrus zu uns gekommen ist. Wir bitten ihn, dass er den Besuch des Papstes fruchtbar werden lässt für seine Kirche, für dieses Land, für die Vereinten Nationen und für die ganze Welt. Und wir bitten ihn, dass unsere Kommunionkinder und wir alle ihm immer näher kommen dürfen, ihn tiefer entdecken dürfen als den, der da ist, der immer für uns da ist.

© 2008 M. Schapfel