Predigt am Dritten Adventssonntag
in der Deutschsprachigen Katholischen Gemeinde Washington DC,
11. Dezember 2005
Heute haben am Adventskranz die brennenden Kerzen zum ersten Mal die Mehrheit. Was vor zwei Wochen mit dem ersten zaghaften Licht begonnen hat, das ein einziger Windhauch noch hätte zum Erlöschen bringen können, das lässt sich ab heute endgültig nicht mehr aufhalten: Es naht das Fest unserer Erlösung. Jetzt kommt es nur noch darauf an, dass wir uns erlösen lassen, dass wir IHM die Türen ganz öffnen, damit Weihnachten wird in unserem Herzen, in unserem Leben, in unserer Familie und in allen Beziehungen, in denen wir leben.
Wir haben in der 1. Lesung die Worte aus dem Buch Jesaja gehört, die Jesus später auf sich anwenden wird, als er zum ersten Mal "predigt", in der Synagoge von Kapharnaum gewissermaßen seine Primizpredigt hält: "Der Geist Gottes, des Herrn, ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine frohe Botschaft bringe und alle heile, deren Herz zerbrochen ist, damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Gefesselten die Befreiung." (Jes 61,1) Das ist die Botschaft des Advent: Es muss nicht so bleiben! Es muss nicht so bleiben in meinem Leben, in Ihrem Leben, in unserer Familie, an meinem Arbeitsplatz.
Sie kennen das resignative Gefühl: Da kann man nichts machen! Es ist alles so eingefahren. Die festgefahrenen Sprachspiele in der Familie: Ich weiß doch genau, was sie sagen wird; ich weiß jetzt schon, wie er reagieren wird. Es liegt so viel Alltagsstaub und vielleicht sogar Schutt darauf ?
Es hat sich halt so entwickelt in unserer Ehe!
Das ist so bei der Bundeswehr, an der Deutschen Schule! (Und fügen Sie jeweils Ihre Lebenssituationen ein!)
Ich traue mich doch schon gar nicht mehr zu träumen, was ich mir eigentlich wünschen würde.
Und so stirbt Leben,
so brechen mit der Zeit Herzen, nicht spektakulär, sondern allmählich.
"Wir haben uns auseinandergelebt", heißt es dann manchmal in Ehen, und es klingt wie ein unausweichliches Schicksal.
"Er hat mich gesandt, damit ich alle heile, deren Herz zerbrochen ist! Den Gefangenen die Entlassung verkünde und Befreiung den Gefesselten": denen, die sich wie in einem Netz aus Verhaltensmustern, die sich eingespielt haben, wie gefangen und gefesselt vorkommen oder - vielleicht noch schlimmer - es vielleicht gar nicht mehr spüren.
Dahinein bricht die Botschaft des Advent: Es muss nicht so bleiben! Es muss nicht so bleiben in Deinem Leben, in Deiner Ehe und Familie, an Deinem Arbeitsplatz, vor allem aber: in Deinem Herzen!
Advent heißt: Es möchte etwas neu beginnen in unserer Welt, in unserer Familie, in unserer Ehe, in meinem Leben.
Manchmal ahnen wir in den vorweihnachtlichen Tagen etwas von dieser neuen Möglichkeit, die uns geschenkt ist, spüren etwas davon, dass sich das Leben der Menschen für Augenblicke ändert und in aller Welt eine neue Bereitschaft wächst, es noch einmal mit der Liebe zu wagen. Wir tun Dinge, die uns sonst schier unmöglich scheinen. Menschen, die "sich nicht sehen können", schauen sich an. Sie hatten es längst aufgegeben: ein hoffnungsloser Fall! Und nun reichen sie sich die Hand. Vertrauen bricht auf zwischen Menschen, die sich lange genug mit ihrem Misstrauen gequält haben. Kinder und Eltern, Geschwister, Nachbarn, Kollegen, vielleicht durch einen Graben von Missverständnissen getrennt, springen über den Abgrund, gehen aufeinander zu, beschenken sich ?
Die Kirche lädt uns ein zum Sakrament der Buße. Das scheinbar so düstere und aus der Mode gekommene Beichten meint genau das: Es muss nicht so bleiben! Es gibt die Chance zur Umkehr, zur Versöhnung, zu einem neuen Anfang. Ahnen Sie, wie das wäre, wieder einmal bis ganz tief hinein in mein Innerstes zu spüren: Es ist wirklich alles gut zwischen Gott und mir. Ich darf ganz versöhnt mit ihm, mit mir selbst, mit allem, was gewesen ist, Weihnachten feiern - und diese Versöhnung in meine Familie tragen und zu all den Menschen, mit denen ich lebe. Das Letzte und Tiefste können wir ja nicht machen, nicht selbst bewerkstelligen, sondern uns nur schenken lassen; offen werden für IHN, der in diesen Tagen neu kommen will: in mein Herz, in mein Leben, in meine Ehe und Familie, in diese Gemeinde, damit Weihnachten wird.
Darum ruft der Introitus des 3. Adventssonntags uns in jedem Jahr zu: "Gaudete! Freut euch! Noch einmal sage ich: Freut euch! Denn der Herr ist nahe!" (Phil 4,4f.) Und die zweite Lesung heute sagt uns noch einmal: "Freut euch! Betet ohne Unterlass! Dankt für alles! Löscht den Geist nicht aus!" (1 Thess 5,16-19) Man kann die Kerzen am Adventskranz leicht auslöschen. Es geht um etwas Hochsensibles, wenn einer sich neu zu lieben traut. Das ist schnell weggewischt mit einem gedankenlosen Wort. Löscht den guten Geist nicht aus, der sich in diesen Tagen bei euch meldet!
Man kann die nächsten drei Wochen vorübergehen lassen und alles beim Alten belassen. Oder wir können uns anrühren lassen von Johannes dem Täufer im Evangelium: "Ich bin die Stimme, die in der Wüste ruft: Ebnet den Weg für den Herrn!" (Joh 1,23) Den Weg für IHN ebnen!
Keiner von uns ahnt, was Gott an diesem Weihnachtsfest in unseren Herzen, in unseren Familien, in den Beziehungen, in denen wir leben, wirken kann, wenn wir ihn kommen lassen, wenn wir ihm wirklich erlauben und zutrauen, dass er in diesem Advent, in der Heiligen Nacht kommt,
unsere Herzen berührt,
heilt,
befreit,
uns erlöst, damit alle Nacht unseres Lebens zur Weihnacht wird.
© 2005 Michael Schapfel