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Predigt zur Amtseinführung von Diakon Clayton Alexander Nickel
Lieber Herr Diakon, liebe Schwestern und Brüder!
Immer, wenn wir das Evangelium hören, geht es nicht einfach um eine
Geschichte von vor zweitausend Jahren, sondern um Hier und Jetzt. Das gilt
besonders bei der Verkündigung des Evangeliums in der Liturgie. Es ist
Gottes lebendiges Wort für jede und jeden Einzelnen von uns heute morgen.
Wenn der Diakon in der Heiligen Messe das Evangelium vorträgt, dann ist es
nicht mehr Clayton Nickel, der da spricht, sondern Jesus Christus selbst,
dem der Diakon seinen Mund leiht. So auch heute:
Jesus spricht zunächst davon, was die Leute so sagen. Diese Frage
beschäftigt auch uns oft. Was wird in der Gesellschaft zur Zeit so geredet
über Jesus, über Religion und Glaube. Wir Europäer beobachten erstaunt, wie
wichtig es in diesem Land zu sein scheint - erst recht in diesem Wahljahr,
wie es die Kandidaten für die Ämter des Präsidenten und Vizepräsidenten mit
der Religion halten, was Jesus ihnen bedeutet.
Aber dann stellt die Jesus die offenbar viel entscheidendere Frage: "Ihr
aber, für wen haltet ihr mich?" (Mt 16,15) Lassen Sie sich diese Frage heute
einmal ganz persönlich von Jesus stellen: "Du aber, für wen hältst du mich?
Wer bin ich für dich?" Lassen Sie sie mit sich gehen bis zur Heiligen
Kommunion, wenn er Ihnen neu ganz nahe kommen will, und schauen Sie, was Sie
ihm gerade heute antworten mögen. Die Antwort mag für jeden von uns ganz
unterschiedlich sein. Der Apostel Thomas sagt nach Ostern: "Mein Herr und
mein Gott!" Bei Simon lautet sie heute: "Du bist der Messias, der Sohn des
lebendigen Gottes!" (Mt 16,16) Und daraufhin gibt Jesus ihm einen neuen
Namen: "Du bist Petrus - der Fels -, und auf diesen Felsen werde ich meine
Kirche bauen." (Mt 16,18).
Jesus hält für jeden von uns einen Namen bereit. Es ist unsere je
persönliche Berufung, die Uridee, die Gott von jedem von uns hat und die uns
so einzigartig macht. Jede und jeder von uns darf wissen: Ich habe im Herzen
Gottes einen Namen, einen Auftrag, eine Sendung, die niemand sonst in der
gesamten Weltgeschichte hatte oder je haben wird. Im Grunde kommt es in
unserem ganzen Leben im Letzten darauf an, diesen einzigartigen Namen,
dieses persönliche Ideal, diese Idee Gottes von mir immer mehr zu entdecken
und zu leben.
Nun schauen wir auf unseren neuen Diakon. Wie dieser ganz einzigartige Name
heisst, bei dem Jesus ihn gerufen hat, das ist sein persönliches Geheimnis,
an das wir nicht rühren wollen. Aber wir wissen seit dem 28. Juni, dass es
einen neuen Namen, einen objektiven Namen gibt, der seinen Auftrag in der
Kirche beschreibt. So wie er zu Petrus und seinen Nachfolgern bis zu Papst
Benedikt XVI. gesagt hat: "Du bist Petrus, der Fels, und auf diesen Felsen
werde ich meine Kirche bauen!", so hat er am 28. Juni 2008 zu Ihnen gesagt:
Clayton, du bist Diakon! Diakonos, das heisst Diener, Servant. Ein
eigenartiger Name! Sie sind damit ganz nahe bei Jesus selbst, der von sich
sagt: "Ich bin mitten unter euch wie einer, der dient." (Lk 22,27) Er
spricht dieses Wort, als unter den Jüngern ein Streit darüber entsteht, wer
von ihnen der Größte sei. Da sagt Jesus: "Die Könige herrschen über ihre
Völker und die Mächtigen lassen sich Wohltäter nennen. Bei euch aber soll es
nicht so sein, sondern der Größte unter euch soll werden wie der Kleinste
und der Führende soll werden wie der Dienende. Welcher von beiden ist
größer: wer bei Tisch sitzt oder wer bedient? Natürlich der, der bei Tisch
sitzt. Ich aber bin unter euch wie der, der bedient." (Lk 22, 25-27). An
dieser programmatischen Selbstbeschreibung Jesu haben wir alle Maß zu
nehmen, nicht zuletzt wir Priester und Bischöfe. Wir sind alle einmal zu
Diakonen geweiht worden, auch der Papst, der den Titel "servus servorum Dei"
trägt: Diener der Diener Gottes. Die Diakonenweihe wird uns ja mit der
Priesterweihe nicht genommen, sondern Priester und Bischöfe sind und bleiben
für ihr ganzes Leben Diakone.
Der Diakon lässt sich in den Dienst der Menschen nehmen wie Christus. Durch
sein Leben und Handeln vergegenwärtigt der Diakon den dienenden Christus. Er
will ein Mensch sein, der wie Jesus ganz für andere da ist. Pro-Existenz
nennen das die Theologen: eine Existenz im "Für". Diakon werden heißt: das
eigene Leben entschlossen den Menschen zuzukehren, besonders den
Niedrigsten, dem menschlichen Leben überall dort, wo es am schutzlosesten
und bedrohtesten ist. Entgegen dem Mainstream unserer modernen
Leistungsgesellschaft, der die Gewinner bewundert und die Verlierer
verlacht, verkörpert der Diakon den Vorrang des Dienstes und der Liebe zu
den Verlierern, zu den Schwachen, den Notleidenden und an den Rand
Gedrängten, zu den Zerschlagenen und Bedrückten. In der dreifachen
Ausgestaltung dessen, was die Kirche tut:
Martyria (die Botschaft Jesu ausrichten) - Leiturgia (den Lobpreis Gottes
und sein Heilshandeln an den Menschen in der Liturgie und den Sakramenten
feiern) - Diakonia (den Menschen in ihren vielfältigen Nöten dienen) wirkt
der Diakon in allem mit. Er verkündet das Evangelium und predigt. Er wirkt
in der Feier der Eucharistie und der Sakramente mit. Aber der Akzent liegt
auf der Diakonie, im Dienst an den Kleinen, Schwachen, Armen und
Notleidenden.
In dem Zusammenhang lohnt es sich zu schauen, wie die junge Kirche
eigentlich dazu kam, Diakone zu beauftragen. Das 6. Kapitel der
Apostelgeschichte erzählt, dass bei der täglichen Versorgung Witwen
übersehen wurden. (Apg 6,1) In der jungen Christengemeinde, in der man
zusammenlegte, was man hatte, und dann miteinander geteilt hat, wurden
Menschen übersehen. Da gab es Witwen, für die kein Mann sich stark gemacht
hat, für die sich keiner vorgedrängt hat, die übersehen wurden. Das ist die
Situation, die die Berufung der ersten Diakone auslöst: dass Menschen
übersehen wurden! Ein starker Hinweis dafür, dass Diakone für die da sind,
die sonst leicht übersehen werden. Lieber Herr Diakon Nickel, eine Ihrer
Aufgaben in unserer Gemeinde wird also offenbar darin bestehen, für die da
zu sein, die ich übersehe, die der Gemeinderat übersehen hat, die nicht so
im Blick sind, für die Leisen, Unauffälligen, die nicht im Rampenlicht
stehen.
Diese Situation führt dazu, dass die Apostel sagen: "Wählt aus eurer Mitte
sieben Männer von gutem Ruf und voll Geist und Weisheit! Ihnen werden wir
diese Aufgabe übertragen." (Apg 6,3) Es handelt sich also bei Herrn Nickel
offenbar um einen Mann von gutem Ruf und voll Geist und Weisheit. Sonst
hätte die Kirche von Washington ihm diese Aufgabe nicht übertragen. Fünf
Jahre hindurch haben die Verantwortlichen sorgfältig geprüft, ob die
Kandidaten wirklich zu Diakonen geweiht werden sollen. Am 28. Juni wurden
sie dann schließlich dem Bischof vorgestellt mit den Worten: "Hochwürdiger
Vater, die heilige Kirche bittet dich, diese unsere Brüder zu Diakonen zu
weihen." Der Bischof fragte zurück: "Weißt du, ob sie würdig sind?" und
erhielt zur Antwort: "Das Volk und die Verantwortlichen wurden befragt; ich
bezeuge, dass sie für würdig gehalten werden." So konnte unser Erzbischof
schließlich sagen: "Mit dem Beistand unseres Herrn und Gottes Jesus
Christus, des Erlösers, erwählen wir diese unsere Brüder zu Diakonen."
Und die Gemeinde antwortete: "Dank sei Gott!" Das ist auch unsere Antwort
heute: Wir danken Gott für Sie, lieber Herr Diakon Nickel. Wir danken
Christus, dem Herrn seiner Kirche, für das immer neue Geheimnis der
Berufung, der freien Erwählung. Vielleicht haben Sie sich das selbst oft
gefragt in den letzten Jahren und vor allem Monaten: Herr, warum ich? Warum
gerade ich? "Wie unergründlich sind seine Entscheidungen, wie unerforschlich
seine Wege" (Röm 11,33), so haben wir es gerade von Paulus gehört, der ja
auch um seine ganz eigene Berufungsgeschichte wusste. Gottes Handeln, seine
freie Erwählung ist unableitbar. Dieser eine Fischer vom See Genesareth,
Simon, er wird unter den Milliarden Menschen der Weltgeschichte der, den
Jesus zu dem Felsen macht, auf den er seine Kirche baut.
Nun hat er Sie gerufen, hat Sie erwählt und hat für immer seine Hand auf Sie
gelegt. Wir danken zuallererst ihm, der Sie berufen und geweiht hat. Und wir
danken Ihnen! Danke, dass Sie ja gesagt haben: Ja zum Diakonat und nun Ja zu
unserer Gemeinde, um uns zu dienen! Lieber Herr Diakon, Sie sind uns
herzlich willkommen! Möge Gott Ihre Zeit bei uns überreich segnen!
© 2008 Michael Schapfel