Predigt am 2. Fastensonntag
12. März 2006
Ein Mann, der Herrn K. lange nicht mehr gesehen hatte, begrüßte ihn mit den Worten: "Sie haben sich gar nicht verändert!" "Oh!", sagte Herr K. und erbleichte. - Bert Brecht hat dieses ganz dichte kleine literarische Werk verfasst, in dem das scheinbare Kompliment beim Gegenüber ganz anders ankommt. Herr K. will gerade kein Mensch sein, der sich nicht (mehr) verändert.
Vor einer guten Woche haben wir die vierzig Tage der Vorbereitung auf Ostern begonnen; und auch wir sollten erbleichen, wenn wir am Ende dieser Zeit feststellen müssten: Ich habe mich gar nicht verändert!
Lassen Sie uns einen Moment auf die Mechanismen schauen, die Umkehr, Veränderung verhindern:
Erstens: verdrängen - so tun, als ob es diesen Missstand, diesen Müll in meinem Leben gar nicht gäbe. Spätestens seit Freud wissen wir um die psychologischen Folgen von Verdrängung. Sollte sich das Gewissen doch immer wieder regen:
Zweitens: wegspülen - es muss nicht unbedingt Alkohol sein; manchmal reicht es auch, das Fernsehen einzuschalten, ins Internet zu gehen oder sich sonst irgendeine Ablenkung zu verschaffen.
Drittens: möglichst viel auf andere schieben - "Der ist ja eigentlich schuld daran!" "Wenn der oder die sich nicht so verhalten hätte ?" oder, noch bequemer, weil ich da niemanden persönlich treffe: die Allgemeinheit, die Verhältnisse, die Zeitumstände ("Das ist halt heute so!" "Es machen doch alle!" Man kann halt heutzutage nicht konsequent christlich leben!) - eine letzte Möglichkeit, wenn sich die Gedanken wirklich nicht mehr verdrängen lassen, wenn mir endgültig klar geworden ist, dass sich etwas ändern muss:
"Ja, morgen, nächste Woche, bei einer günstigen Gelegenheit ?" Schon der Volksmund weiß, dass die lange Bank des Teufels liebstes Möbelstück ist. Jeder, der etwas vom Menschen verstanden hat, weiß, dass alle diese Möglichkeiten Zeichen von Unreife sind.
Die einzige echte Möglichkeit lautet: mich heute auf den Weg machen und umkehren!
Hildegard von Bingen nennt diesen Weg den Heimweg der Reue und bezeichnet ihn als den alternativen Weg des Lebens schlechthin. Auf diesen Weg ruft uns die Kirche in diesen "alternativen 40 Tagen". Sie lädt uns ein, umzukehren von allen Wegen, die uns von Gott, voneinander, von uns selbst entfernt haben, und uns wieder zu ihm auf den Weg zu machen. Sie trifft damit den Nerv des Christseins.
Ich erinnere mich noch gut, dass ich einmal während meines Studiums den Satz gelesen habe, Buße sei die Grundform des Glaubens schlechthin. Ich habe damals als junger Student nicht verstanden, wie ein Theologe etwas so Düsteres wie Buße zur Grundaussage der Frohen Botschaft erklären konnte. Und doch beginnt das Evangelium Jesu Christi mit dem Ruf: "Kehrt um! Und glaubt an die Frohe Botschaft!" Und wer immer Jesus begegnet ist, hatte nur zwei Möglichkeiten: umzukehren, ein anderer Mensch zu werden und ihm nachzufolgen oder Steine aufzuheben, jedenfalls sich von ihm abzuwenden und der alte zu bleiben. So gesehen klingen Reue, Umkehr und Buße auf den ersten Blick vielleicht düster, sind aber in Wahrheit der Weg aus dem Dunkel ins Licht, aus der Enge in die Freiheit, aus so vielem, was uns belastet, in die Freude des erlösten Christseins, in die Osterfreude.
Ein junger Geistlicher soll im Gefängnis predigen. Tagelang sucht er Formulierungen, die geeignet erscheinen, harte Herzen zu rühren. Wie er den Saal betritt, erschauert er unter der Kälte der höhnischen Gesichter. Mit einem stummen Gebet um Erleuchtung steigt er zur Kanzel hinauf. Auf der vorletzten Stufe stolpert er, und über sämtliche verfügbaren Körperteile rollt er ins Parkett zurück. Das Auditorium brüllt vor Lachen. Einen Augenblick lang fühlt sich der junge Geistliche von Schmerz und Scham gelähmt. Dann springt er auf, stürmt die Treppe hinauf und lacht auf die Häftlinge hinunter: "Deswegen, Männer, bin ich gekommen. Ich wollte euch zeigen, dass man wieder aufstehen kann, wenn man gestürzt ist."
Das ist der Urvorgang am Schweinetrog im Gleichnis vom barmherzigen Vater: "Ja, ich will wieder heim und zu meinem Vater gehen!" - "Kehr um, und glaube an die Frohe Botschaft!" An was für eine Frohe Botschaft? An die Botschaft vom grenzenlos barmherzigen Vatergott. Warum liebt der Vater den verlorenen Sohn im Gleichnis so "unvernünftig"? Nicht weil der Sohn so gut ist oder gar alles richtig gemacht hat oder weil er so nett und einladend aussieht, wie er da wieder nach Hause kommt, sondern: Weil er sein Sohn ist! Weil er der Vater ist! Warum liebt der Vater uns wie verrückt? Nicht wegen unserer Tugenden und guten Werke, sondern zuallererst weil er der Vater ist, weil wir seine Töchter und Söhne sind, weil ich sein Kind bin. Die Kindschaft kann der verlorene Sohn nicht verlieren.
Wenn ich das glauben könnte! Dass Gott mich so liebt, wie ich bin, mit meinen Schwächen und Grenzen, nicht einmal nur, obwohl ich schwach bin, obwohl(!) ich ein Sünder bin, sondern im Geist Jesu kann ich sogar sagen: Gott liebt mich, weil(!) ich ein Sünder bin!
Stellen Sie sich das in Ihrer eigenen Familie vor: Ein Kind kommt zu seinem Vater und zeigt ihm etwas ganz Tolles, was es geschafft hat: sein gutes Zeugnis, etwas schönes Gebasteltes oder was auch immer. Wie wird der Vater reagieren? Er wird sich freuen, wird mächtig stolz sein auf sein "Früchtchen" und wird es sicher dafür auch lieben. Aber jetzt stellen Sie sich eine zweite Situation vor: Ein Kind kommt zu seinem Vater und sagt: "Papa, schau, was ich angerichtet habe! Papa, mir ist etwas ganz Schlimmes passiert. Papa, ich weiss nicht mehr aus noch ein. Papa, ich brauche deine Hilfe!" Sie werden mir zugeben: Erst in dieser zweiten Situation kann der Vater seine ganze Liebe zeigen. Und wenn das schon für uns menschliche Väter und Mütter gilt, wieviel mehr für Gott.
Wenn also jemand vor Gott hintritt und ihm erzählt, was ihm alles gelungen ist - und es gelingt uns ja Gott sei Dank auch vieles: Wie wird der himmlische Vater reagieren? Er wird sich freuen, stolz auf uns sein und uns sicher dafür auch lieben. Wenn aber einer zu ihm kommt und ihm sagt: Das ist mir passiert! Das habe ich angerichtet! Vater, ich brauche deine Hilfe! Dann erst wird Gott seine ganze Liebe zeigen können! Darum herrscht im Himmel mehr Freude über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über 99 Gerechte, die der Umkehr nicht bedürfen. (Ganz abgesehen davon, dass es das gar nicht gibt: Gerecht, die der Umkehr nicht bedürfen.) Die Krüppelkinder sind seine Lieblingskinder, und sie werden in seinen Händen zu Wunderkindern.
Es ist wirklich so: Unsere Gebrechen, unsere Fehler, unsere Sünden und Schwächen werden nicht unser Verhängnis, sondern unsere Bruchstellen werden zu Einbruchstellen der Gnade! So erreicht Gott unser Herz, die Tiefenschichten unserer Seele! Darum hatte und hat Jesus es offensichtlich so schwer bei den Perfekten, bei denen, bei denen alles in Ordnung ist, bei den "Gerechten", bei den Frommen seiner Zeit. Er und seine Botschaft kamen an bei den Armen, Kleinen, Schwachen und Sündern bis hin zum Schächer am Kreuz. Dieser Verbrecher weiß, dass er sein Leben verwirkt hat ("Uns geschieht es recht, dass wir hier hängen ?"). Er hat wirklich nichts vorzuweisen, wofür er den Himmel verdient hätte. Er kann nichts anderes sagen als: "Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst!" Und ausgerechnet ihm sagt Jesus die weitestgehende Verheißung zu, die wir aus seinem Mund an einen Menschen kennen: "Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein!"
Ob sie spüren, welche Heilkraft hier verborgen ist, dass wir hier wirklich an der Herzmitte der Botschaft Jesu sind, am heissen Kern des Evangeliums, dass hier der Weg zum ganzen, zum heilen Menschsein liegt.
Paulus schreibt im 2. Korintherbrief (2 Kor 5,19f.), dass Gott den Menschen ihre Verfehlungen nicht anrechnet und uns das Wort von der Versöhnung anvertraut hat, und fährt fort: "Wir sind also Gesandte an Christi Statt, und Gott ist es, der durch uns mahnt. Wir bitten an Christi Statt: Lasst euch mit Gott versöhnen!" ? Unsere Firmlinge haben sich vor einer Woche eingelassen auf diese Chance, wirklich rundherum versöhnt auf die Firmung zugehen zu können, und haben gebeichtet.
Liebe Schwestern und Brüder, ich kann nicht anders, als Ihnen mindestens einmal im Jahr, in diesen heiligen 40 Tagen dieses Wort des Apostels zuzurufen und es mir zu eigen zu machen: "Wir sind Gesandte an Christi Statt, und Gott ist es, der durch uns mahnt. Wir bitten an Christi Statt: Lasst euch mit Gott versöhnen!" Es lässt mich innerlich nicht zur Ruhe kommen, dass so viele Menschen, selbst im innersten Raum der Kirche, dieses einzigartige Geschenk nicht mehr empfangen wollen. Wahrscheinlich sind wir Beichtväter die am meisten Schuldigen an dieser Misere.
Ich weiss, dass es vielen von Ihnen nicht leicht fällt, vielleicht nach Jahren und Jahren, die Sie nicht mehr gebeichtet haben. Ich flehe Sie an: Versuchen Sie es mal wieder! Geben Sie Ihrem Herzen einen Stoß! Fragen Sie unsere Firmlinge, ob sie es bereut haben! Kommen Sie gerne auch, wenn Sie noch gar nicht wissen, wie das Gespräch ausgehen wird, ob es eine Beichte werden wird, oder Sie einfach sagen: Herr Pfarrer, ich möcht' mal reden, Ihnen sagen, wie es mir geht auf meinem Weg als Christ, als Christin. Wenn Sie lieber ganz anonym bleiben wollen, im National Shrine ist jeden Tag fünf Stunden Beichtgelegenheit. Sie alle werden in Ihrer Nähe eine Kirche haben, wo Ihnen Priester zur Verfügung stehen. Ich kann Ihnen auch gerne jemanden empfehlen, wenn Sie sicher sein wollen, dass Sie eine gute Erfahrung machen. Ich kann es gut hören, und es macht mir wirklich nichts aus, wenn jemand von Ihnen zu mir sagt: Herr Pfarrer, ich suche einen guten Beichtvater, aber ich möchte nicht bei Ihnen beichten.
Aber vielleicht darf ich Ihnen auch das noch sagen - und dann mache ich auch wirklich Schluss (wovon das Herz voll ist ?): Nach über zwanzig Jahren Erfahrung als Beichtvater möchte ich sagen: Es gibt wirklich keinen Grund zur Sorge, Ihr Beichtvater könnte Sie, nachdem er jetzt etwas Unangenehmes von Ihnen weiß, nun schräg anschauen, enttäuscht sein, schlecht von Ihnen denken oder was auch immer. Ich kann Ihnen sagen, dass ich in all den Jahren das Staunen darüber nicht verlernt habe, dass jemand zu mir kommt, sich mir anvertraut, mir etwas sagt, was er vielleicht keinem anderen Menschen sagen würde: Das Staunen über das Vertrauen und die Freude darüber, dass ein Mensch das geschafft hat, dass ein Kind Gottes heimgekehrt ist und jetzt wirklich Festmahl ist, ist immer viel, viel größer als eine mögliche Enttäuschung über etwas, was im Leben des Betreffenden geschehen ist.
"Wir bitten an Christ Statt: Lasst euch mit Gott versöhnen!"