Predigt am 26. August 2007
21. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr C



Herr, sind es nur wenige, die gerettet werden? - Bemüht euch mit allen Kräften, durch die enge Tür zu gelangen; denn viele, sage ich euch, werden versuchen hineinzukommen, aber es wird ihnen nicht gelingen. - Dann steht ihr draußen, klopft an die Tür und ruft: Herr, mach uns auf! Er aber wird euch antworten: Weg von mir! Da werdet ihr heulen und mit den Zähnen knirschen, wenn ihr seht, wer alles im Reich Gottes ist, ihr selbst aber ausgeschlossen seid.

Solche Worte - erst recht gleich am ersten Sonntag nach den Ferien - lassen uns erschrecken. Aber wir haben uns ja das Wort Gottes nicht ausgesucht. Es ist das Wort des Herrn an seine Kirche heute überall auf der ganzen Welt. Wir sind alle betroffen, Priester wie Gläubige, Prediger wie Zuhörer, und denken vielleicht: Kann man das nicht etwas "diplomatischer" formulieren, weniger krass und weniger hart, harmloser dann wohl auch, dass es nicht weh tut.

Jahrhundertelang haben Pfarrer, Lehrer und andere Autoritäten ganz selbstverständlich vom Jüngsten Gericht, von der ewigen Verdammnis, von der Hölle geredet und sie vielleicht sogar entsprechend anschaulich ausgemalt. Vor ein paar Jahren hatte ich an einem ostwestfälischen Wallfahrtsort die Festpredigt zu halten. Über dem barocken Beichststuhl stand, knapp, unmissverständlich und einprägsam: "Bekenne oder brenne!" - Bekenne oder brenne!

In den letzten Jahrzehnten hat sich die christliche Verkündigung vielerorts wie ein Pendelschlag ins Gegenteil verkehrt. Schrifttexte wie die des heutigen Tages werden tunlichst umgangen oder bis zur Unkenntlichkeit uminterpretiert und verfälscht. Man folgt mehr dem Fastnachtsschlager: "Wir kommen alle, alle, alle in den Himmel, weil wir so brav sind …" Der "liebe" Gott erscheint wie ein nicht mehr ganz zurechnungsfähiger Großvater, der niemandem böse sein kann und am Ende schon alle Augen zudrücken wird.

Nein, meine Schwestern und Brüder, die Wahrheit ist: Es wird kein Auge zugedrückt werden! (außer im Augenblick des Sterbens unsere eigenen Augen, wenn uns ein wohlmeinender Mensch diesen letzten Dienst tun wird) Aber dann werden ganz im Gegenteil unsere Augen geöffnet werden, dann werden uns die Augen aufgehen, denn dann kommt alles ans Licht! Dann gibt es kein Verdrängen mehr, kein Beschönigen, keine Lüge mehr, auch keine Selbsttäuschung mehr, dann kommt alles ans Licht.

Das muss auch so sein, schon aus Gründen der Gerechtigkeit. Versetzen Sie sich nur einmal in die Lage der Opfer, der Häftlinge der Konzentrationslager gegenüber dem christlich getauften SS-Mann, in die Lage der ungezählt vielen vergewaltigen und missbrauchten Frauen und Kinder, für die es in diesem Leben anscheinend keine Gerechtigkeit gibt, der Armen, Ausgebeuteten und Unterdrückten dieser Welt, deren sich kein Anwalt und kein Richter dieser Welt annimmt, wenn es dann nach dem Tod einfach hieße: Schwamm drüber!

Nein, meine Schwestern und Brüder, da ist die biblische Botschaft ganz eindeutig: Dann, wenn der letzte Tag gekommen ist, wird Gericht gehalten. Aus dem Mund des Täufers Johannes hören wir Worte wie: "Ihr Schlangenbrut, wer hat euch denn gelehrt, dass ihr dem kommenden Gericht entrinnen könnt?" (Mt 3,7) Paulus nennt ihn im Römerbrief den "'Tag des Zornes', den Tag der Offenbarung vor Gottes gerechtem Gericht" (Röm 2,5). Und ausgerechnet im Philipperbrief, dem Schreiben an seine Lieblingsgemeinde, in dem Paulus sanfter und liebevoller erscheint als in allen anderen Briefen, schreibt er seiner geliebten Gemeinde in Philippi: "Müht euch mit Furcht und Zittern um euer Heil!" (Phil 2,12) Müht euch mit Furcht und Zittern um euer Heil!

Liebe Schwestern und Brüder, dieses Wort Gottes haben wir auszurichten, sei es gelegen oder ungelegen. Und wir Priester, ich selbst werde beim Jüngsten Gericht einmal danach gefragt und danach gerichtet werden, ob ich Ihnen das Evangelium nur in einer "soft version", gewissermaßen zu Schlussverkaufspreisen offeriert habe und mich so an Ihnen versündigt habe; ob ich schuld daran bin, dass Sie zu wenig beten, dass Sie sich Ihrer Sonntagspflicht nicht bewusst sind, dass Sie zu wenig beichten, zu wenig konsequent christlich leben, weil ich in meiner Verkündigung den Eindruck erweckt habe, es sei doch nicht gar so ernst gemeint, es komme doch nicht so sehr darauf an, man müsse das alles nicht so eng sehen, Gott sei doch nicht so streng. Gerade uns gilt das Wort Jesu: "Wer auch nur eines von den kleinsten Geboten aufhebt und die Menschen entsprechend lehrt, der wird im Himmelreich der Kleinste sein." (Mt 5,19)

Ich mache mir schon Gedanken, wenn getaufte und gefirmte Katholiken ohne wirklich schwerwiegenden Grund ihrer Sonntagspflicht nicht nachkommen und das irgendwie mit ihrem Gewissen ausmachen - hoffentlich machen sie sich überhaupt ein Gewissen daraus - dann eine Woche oder gar viele Wochen später wie selbstverständlich wieder zur Heiligen Kommunion gehen, ohne zuvor das Bußsakrament empfangen zu haben. Wobei das Sonntagsgebot ja nur eines der Gebote ist. Auch da kommen wir Priester nicht umhin, auf das furchtbare Wort des heiligen Paulus hinzuweisen: "der isst und trinkt sich das Gericht!" (1 Kor 11,29) Prüfen Sie also bitte, ob es tatsächlich seit Ihrer letzten Heiligen Beichte keine schwere Sünde gab, und ob Sie nicht überhaupt längst schon einmal wieder die Einladung Jesu zu dieser erlösenden und befreienden Erfahrung annehmen sollten, das Sakrament der Versöhnung zu empfangen.

Denn schauen Sie: Hier sind wir am heißen Kern des Ganzen, hier liegt der Schlüssel dafür, warum auch die heutige Botschaft Jesu ein "Evangelium" ist, eine Frohbotschaft und keine Drohbotschaft: also keine Angst machende, in Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung stürzende Drohbotschaft, aber andererseits auch keine, die billig verharmlost werden darf.

Es handelt sich um die gut gemeinte und in den Augen Jesu höchst notwendige Warnung vor einer letzten unheilvollen Konsequenz, die in der Freiheit des Menschen selber liegen kann. Die Hölle ist kein unabwendbares Schicksal, sondern das selbst gewählte Verhängnis des freien Menschen, der bis zuletzt in seinem Egoismus verharrt und sich durch keine Einladung der Liebe Gottes zur Umkehr bewegen lässt. Wer glaubt, bei ihm sei alles in Ordnung, er sei nicht gemeint mit der zentralen Botschaft Jesu: "Das Reich Gottes ist nahe. Bekehrt euch!" (Mk 1,15); wer glaubt, er habe es verdient, in den Himmel zu kommen, der irrt gewaltig und ist am meisten gefährdet. Keiner von uns hat es verdient, in den Himmel zu kommen. Wenn wir einmal vor dem Richterstuhl Gottes stehen werden, wenn alles in unserem Leben offenbar werden wird, wenn uns die Augen aufgehen werden, dann wird es einen einzigen Titel geben, auf den wir uns berufen können, einen einzigen Grund, warum uns der Himmel dennoch offensteht: und das ist das Kreuz Christi! Er hat uns den Himmel verdient. Er hat unsere Sünden auf das Holz des Kreuzes getragen. Durch seine Wunden sind wir geheilt. Er hat Sühne geleistet. Darum kann er dem Verbrecher, der mit ihm gekreuzigt ist, der nichts vorzuweisen hat, wofür er den Himmel verdient hätte - im Gegenteil, er gibt zu, dass es ihm recht geschieht, dass die Hinrichtung tatsächlich der gerechte Lohn für seine Taten ist. Nichts anderes kann er sagen als; "Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst!" Ausgerechnet ihm sagt Jesus die weitestgehende Verheißung zu, die wir aus seinem Mund an irgendeinen Menschen kennen: "Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein!" (vgl. Lk 23,40-43) Die größten Probleme hatte Jesus hingegen zeit seines Lebens mit den Selbstgerechten, mit denen, die glaubten, der Umkehr nicht zu bedürfen. Mit denen hat es Gott am schwersten.

Von einem Künstler wird erzählt, dass er ein Bild gemalt habe über den Vers aus der Offenbarung des Johannes: "Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an!" (Offb 3,20) Jesus, der vor unserer Tür steht und anklopft. Ein Betrachter sprach den Maler an und sagte: "Meister, die Tür hat ja gar keine Klinke!" Der Künstler gab ihm zur Antwort: "Diese Tür kann nur von innen geöffnet werden!" Da kommt selbst die Liebe Gottes, die geradezu verzweifelt das Heil aller Menschen will, an eine Grenze, weil er immer unsere Freiheit respektieren wird.

Schauen Sie oft auf das Kreuz des Herrn: So weit ist er gegangen in seiner Liebe zu mir und zu Ihnen. Schauen Sie jetzt bei der Eucharistiefeier neu auf die heilige Hostie, seinen geopferten Leib. Hören Sie die Worte über den Kelch: "Das ist mein Blut, das für euch und für alle vergossen wird zur Vergebung der Sünden!" Lassen Sie sich berühren und bewegen von dieser ohnmächtigen Liebe. Und dann liegt es neu an mir und an Ihnen, ob wir ihn einlassen in unser Herz und in unser Leben. Diese Tür kann nur von innen geöffnet werden.

© 2007 Pfr. Michael Schapfel