Predigt im Familiengottesdienst am 5. Fastensonntag
2. April 2006
Das sonderbare Bild



Andrea lebte mit ihren Eltern und Geschwistern in der Stadt in einem großen Haus. Eines Tages sollte eine neue Familie in die Wohnung unter ihnen einziehen. Als der Möbelwagen anrollte und mit ihm zusammen das Auto mit den neuen Bewohnern, drückten Andrea und die anderen Kinder im Haus sich fast die Nasen platt an den Fenstern. Gott sei Dank! Auch die neuen Leute hatten Kinder, ein Mädchen schien sogar ungefährt so alt zu sein wie Andrea.

Nach den Ferien stellte sich heraus, dass das neue Mädchen - es hieß Christiane - sogar mit Andrea in dieselbe Klasse gehen würde. Andrea und Christiane freundeten sich immer mehr miteinander an, besuchten sich häufig gegenseitig und verbrachten viel Zeit miteinander. Andrea nahm Christiane auch oft in ihr Zimmer mit. Wenn sie aber bei Christiane war, durfte sie nie mit in ihr Zimmer. Christiane achtete sogar ganz sorgfältig darauf, dass ihre Zimmertüre immer geschlossen war, wenn Andrea in der Wohnung war.

Eines Tages aber, als Andrea wieder einmal zu Besuch war, stand Christianes Zimmertür offen. Andrea nutzte die Gelegenheit und betrat Christianes Zimmer. Sofort fiel ihr Blick auf ein sonderbares Bild, das über Christianes Bett hing. Es sah überhaupt nicht schön aus, eher wie ein angekohltes, verbranntes Stück Stoff. Als Christiane entsetzt das Zimmer betrat und sprachlos auf Andrea und dieses sonderbare Bild schaute, begann Andrea Christiane auszulachen und zu verspotten: Wie man sich denn ein so hässliches Bild über das Bett hängen könne! Christiane brach in Tränen aus, schlug mit beiden Fäusten auf Andrea ein, trieb sie aus dem Zimmer und warf die Tür hinter ihr zu.

Andrea wusste gar nicht, wie ihr geschah, und landete in den Armen von Christianes Mutter. "Nun hast du also unser sonderbares Bild geschehen", sagte sie und erzählte Andrea die Geschichte dieses Bildes. Als Christiane noch ganz klein war, war in dem Haus, in dem sie damals wohnten, ein Feuer ausgebrochen. Die Bewohner konnten sich im letzten Moment noch ins Freie retten, aber niemand hatte mehr zu dem Zimmer gelangen können, in dem die kleine Christiane schlief. Ein beherzter Feuerwehrmann - seine Kameraden versuchten noch, ihn zurückzuhalten - riss sich los und stürmte durch den Rauch und die Flammen auf Christianes Zimmer zu. Er packte das Kind, riss das Fenster auf und warf das Kind hinab, wo es sicher in den Armen der Retter landete. Der Feuerwehrmann aber bezahlte seinen Mut mit dem Tod. Nachdem der Brand gelöscht war, bekamen Christianes Eltern dieses Stück seiner verbrannten Kleidung. Seitdem hat es einen Ehrenplatz in Christianes Zimmer. "Jetzt wirst du verstehen, warum das Bild kostbarer ist als alle anderen, die wir besitzen", schloss Christianes Mutter. "Wenn er nicht sein Leben eingesetzt hätte, wäre ich tot", sagte Christiane an einem der nächsten Tage zu Andrea, als beide noch einmal in Ruhe über alles sprachen.

Was mag es für Christiane bedeuten zu wissen, dass sie ihr Leben diesem Feuerwehrmann verdankt; dass da einer gestorben ist, um sie zu retten! Sie lebt, weil ein anderer sein Leben hingegeben hat für sie.

Wir alle sind diese Christiane! Darum hängt in unseren Zimmern ein sonderbares, hässliches, ja grausames Bild: die Darstellung eines Hingerichteten am Kreuz. Und es ist uns kostbarer als alle anderen Bilder, die wir besitzen. Da ist einer gestorben, um mich zu retten. Er hat sich für mich hingegeben, damit ich lebe.

Copyright 2006 Michael Schapfel