Hochfest der Gottesmutter Maria
1. Januar 2006

Wir stehen an der Schwelle eines neuen Jahres. Und die Kirche feiert das Hochfest der Gottesmutter Maria.

Wie oft stehen Mütter an der Türschwelle. Sorgenvoll wartend, Ausschau haltend, freudig begrüßend und empfangend, Abschied nehmend und winkend. Schwellensituationen lassen Mütter nicht kalt. Ihnen ist es nicht einerlei, wer zu ihnen kommt und von ihnen geht. Erst recht nicht, wenn es ihre eigenen Kinder sind.

An der Schwelle zum neuen Jahr steht mit Maria die Mutter Jesu vor uns. Mit ihr schauen wir zurück auf die Tage ihrer Herbergssuche und die Geburt ihres Kindes im Stall, auf ihr Staunen über die Worte der Hirten und alles, was sie in ihrem Herzen bewahrt und in Gedanken bewegt hat.
Mit den Augen einer Mutter sehen wir Christus anders.
Menschlicher und persönlicher, vertrauter, herzlicher, aber auch wehrloser. Ihr Blick weckt Gefühle. Ihre Berufung, Mutter dieses Kindes zu sein, bewegt.
Mit den Augen dieser Mutter schauen wir auch nach vorn. Auf ihren Weg mit diesem Kind über die Schwelle des Tempels bei der Darstellung, und als sie ihn nach tagelanger Suche im Tempel wiederfindet, auf ihren Weg durch die Straßen von Nazareth und Galiläa und schließlich den Kreuzweg hinauf in Jerusalem.
Mit den Augen dieser Mutter bekommt das Leben menschliche Züge: ihr eigenes, das ihres Sohnes und das unsere. Von der Gottesmutter lernen wir die Sehnsucht und das Warten, das Entscheiden und das Durchtragen, das Empfangen und das Bewahren, das Nachdenken und das Mitteilen, den Lobpreis und das Verweilen, das Anbeten und das Vertrauen, das Aushalten und das Kämpfen, das Leben und das Loslassen.

Vor allem aber das Vertrauen! Wir stehen unmittelbar am Anfang eines neuen Jahres. Es liegt noch fast unberührt vor uns so wie manchmal nach einer Nacht, in der es geschneit hat, die Landschaft am Morgen noch ganz ohne Spuren ist. 2005 mit seinen Spuren liegt hinter uns, und wir können nichts mehr daran ändern. 2006 ist noch ein unbeschriebenes Blatt. Und keiner von uns weiß, was es uns bringen wird.

Wenn wir in den nächsten 365 Tagen hier in den USA Dollars in die Hand nehmen, können wir jedes Mal die Worte lesen: "In God we trust". Maria, unsere Mutter, steht mit uns am Anfang dieses neuen Jahres und wird uns durch dieses Jahr begleiten mit ihrem berühmten Wort an Gabriel: "Mir geschehe nach deinem Wort!" In einer Situation, wo sie nicht ahnen konnte, was alles auf sie zukommen würde, gibt sie so etwas wie eine Blankovollmacht.

Ob ich das auch kann? Unter das noch gänzlich unbeschriebene Blatt 2006 schon jetzt meine Unterschrift setzen, dem Herrn erlauben, dass er darüber schreiben darf, was er möchte? Weil ich seiner Weisheit, seiner Liebe und seiner Macht glaube? Es kann mir sogar gar nichts besseres passieren, in meinem Leben und in diesem Jahr 2006, als das, was er für mich vorgesehen hat: mehr und besseres als alles, was ich mir wünschen, planen und ersehnen könnte. Wenn ich das rückhaltlos glauben könnte, dann kann ich sogar ganz egoistisch betrachtet mir nichts besseres wünschen, als was wir im Vater unser beten: "Dein Wille geschehe!" "Dein Wille geschehe in diesem Jahr 2006!"

Und die Mutter geht mit, mit all ihrer Liebe und Sorge, besonders dann, wenn mir angst und bange zu werden droht. Wenn es unter das Kreuz gehen sollte, dann ist sie da und "steht hin", wie man im Süddeutschen sagt. So gehen wir los, gehen unter Gottes Segen und an der Hand dieser liebenden und sorgenden Mutter in ein neues Jahr der Gnade, in das Gnadenjahr 2006.

© 2006 Michael Schapfel