Predigt in der Osternacht 2006
Darf ich Sie noch einmal irritieren in Ihrem Osterglauben, verstören in Ihrer Osterfreude, die Botschaft dieser Nacht noch einmal gegen den Strich bürsten?
Der Schriftsteller Jean Paul, mit bürgerlichem Namen Johann Paul Friedrich Richter (1763-1825) hat vor zweihundert Jahren einen Text verfasst mit dem Titel "Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, dass kein Gott sei", in dem es heißt:
"Alle Gräber waren aufgetan, und die eisernen Türen des Gebeinhauses gingen unter unsichtbaren Händen auf und zu. ? Alle Schatten standen um den Altar, und allen zitterte und schlug ? die Brust. ? Oben am Kirchengewölbe stand das Zifferblatt der Ewigkeit, auf dem keine Zahl erschien und das sein eigner Zeiger war; nur ein schwarzer Finger zeigte darauf, und die Toten wollten die Zeit darauf sehen.
Jetzo sank eine hohe edle Gestalt mit einem unvergänglichen Schmerz aus der Höhe auf den Altar hernieder, und alle Toten riefen: 'Christus! Ist kein Gott?' Er antwortete: 'Es ist keiner.' Der ganze Schatten jedes Toten erbebte, nicht bloß die Brust allein, und einer um den andern wurde durch das Zittern zertrennt.
Christus fuhr fort: 'Ich ging durch die Welten, ich stieg in die Sonnen und flog mit den
Milchstraßen durch die Wüsten des Himmels; aber es ist kein Gott. Ich stieg herab, soweit das Sein seine Schatten wirft, und schauete in den Abgrund und rief: "Vater, wo bist du?" Aber ich hörte nur den ewigen Sturm, den niemand regiert, und der schimmernde Regenbogen aus Wesen stand ohne eine Sonne, die ihn schuf, über dem Abgrunde und tropfte hinunter. Und als ich aufblickte zur unermesslichen Welt nach dem göttlichen Auge, starrte sie mich mit einer leeren bodenlosen Augenhöhle an; und die Ewigkeit lag auf dem Chaos und zernagte es und wiederkäuete sich. ...
Die entfärbten Schatten zerflatterten, wie weißer Dunst, den der Frost gestaltet, im warmen Hauche zerrinnt; und alles wurde leer. Da kamen, schrecklich für das Herz, die gestorbenen Kinder, die im Gottesacker erwacht waren, in den Tempel und warfen sich vor die hohe Gestalt am Altare und sagten: 'Jesus! Haben wir keinen Vater?' - Und er antwortete mit strömenden Tränen: 'Wir sind alle Waisen, ich und ihr, wir sind ohne Vater.'"
Diese "Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, dass kein Gott sei" ist das furchtbare Gegenbild zu dem, was wir in dieser Nacht feiern. Auf dieser Negativfolie wird vielleicht erst die ganze Wucht der Osterbotschaft deutlich und ihre Relevanz: Für unser Leben und für die Welt hängt tatsächlich alles davon ab, ob das Osterevangelium wahr ist. Und es ist alles andere als selbstverständlich. Wir haben ja noch den furchtbaren Schrei Jesu vom Karfreitag im Ohr: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" In dieser Stunde weiß er nicht mehr, wie es ausgehen wird, ob sein Verzweiflungsschrei nicht vielleicht doch ins Leere geht, sein Sturz in den Abgrund des Todes nicht ein Sturz ins Bodenlose sein wird und der Schrei "Vater, wo bist du?" ohne Antwort bleiben wird. Denn es ist kein Gott! "Wir sind alle Waisen."
Nur stammelnd und mit höchster Ehrfurcht beten und betrachten wir uns hinein, wie das wohl gewesen sein mag nach dem furchtbaren Schrei des Sohnes "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?", als er erfahren darf, dass er im Sterben in die Arme des Vaters fällt, der in seiner grenzenlosen Liebe mitgegangen ist und wenn auch verborgen, doch ganz da gewesen ist in der Nacht des Karfreitags. Es ist der endgültige Sieg über Satan, dass die Liebe soweit gegangen ist. Und es ist die österliche Antwort auf unsere Erfahrungen der Gottverlassenheit, auf unser "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" Die Botschaft dieser Nacht sagt uns, dass wir keine Waisen sind. Dass, wenn auch immer wir fallen, in die Arme eines guten Vaters fallen; dass wir einst bei unserem Sterben nicht tiefer fallen werden als in die Arme Gottes.
In dieser Nacht hat sich alles entschieden: Durch den Tod und die Auferstehung Jesu ist endgültig entschieden, wie es ausgeht mit der Welt, wie es ausgehen wird mit Ihnen und mit mir. Gesiegt hat die Liebe, gesiegt hat das Licht über die Finsternis, gesiegt hat das Leben über den Tod. Für immer! Und jetzt stellen wir uns hinein in das Geheimnis dieser einzigartigen Nacht, stellen ein Kind hinein, stellen uns selbst neu hinein in der Tauferneuerung, dankbar für alles, was uns in unserer Taufe und seitdem geschenkt worden ist. In dieser Nacht, in der sich alles entschieden hat, entscheiden wir uns neu für den, der für uns gestorben und auferstanden ist.
© Michael Schapfel 2006