Predigt am Ostersonntag 2006
Wenn wir heute morgen in einer unserer Kathedralen oder großen Klosterkirchen, wo der gregorianische Choral gesungen wird, das Osterhochamt mitfeiern würden, so hätten wir am Anfang der Heiligen Messe eine Überraschung erlebt. Der Introitus ist in jeder Messe so etwas wie eine Ouvertüre und in der Regel auch entsprechend dem jeweiligen Tag gestaltet: an einfachen Tagen schlichter, an den hohen Feiertagen entsprechend aufwendiger und mit einer oft ausladenden Melodie, so z.B. am hohen Pfingstfest. Nun würde man ja im Hochamt des Ostersonntags, des höchsten Festes der Christenheit, einen besonders festlichen Gesang erwarten. Aber es erklingt eine leise, zurückhaltende, mit ganz geringem Tonumfang gestaltete Melodie: "Resurrexi et adhuc tecum suum. Halleluja ... - Ich bin auferstanden und nun immer bei dir. Halleluja ..." Die Kirche wagt es, im Introitus des ersten Ostertages hineinzuhören in die erste Zwiesprache des Auferstandenen mit seinem Vater! Nur stammelnd und mit höchster Ehrfurcht beten und betrachten wir uns hinein, wie das wohl gewesen sein mag nach dem furchtbaren Schrei des Sohnes "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?", als er erfahren darf, dass er im Sterben in die Arme des Vaters fällt, der in seiner grenzenlosen Liebe mitgegangen ist und wenn auch verborgen, doch ganz da gewesen ist in der Nacht des Karfreitags. Wie erlöst der Herr gesagt haben mag: "Ich bin auferstanden und nun immer bei dir!"
Es mag auch sein erstes Wort an seine Mutter gewesen sein, die mitgegangen ist bis unter das Kreuz und der man den Leichnam ihres Sohnes in den Schoß gelegt hatte. Auch das lässt die Heilige Schrift ja im Geheimnis. "Maria, Mutter, ich bin auferstanden und nun immer bei dir, halleluja!"
Und es ist sein Wort an uns heute, an jede und jeden einzelnen von uns: "Ich bin auferstanden und nun immer bei dir!" Es ist sein Wort ganz besonders hinein in die Stunden, in denen wir schreien möchten: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" Gerade in diesen Stunden sind wir ihm ganz nahe, nimmt er uns hinein in seine Erfahrung der letzten Tage. Der Schrei der Gottverlassenheit ist nicht das letzte Wort. Wir werden nicht tiefer fallen als in die Arme Gottes. Er, der Satan und Tod besiegt hat, sagt uns zu: "Ich bin auferstanden und nun immer bei dir. Halleluja! Amen."
Dann mag es vielleicht auch zu unserem eigenen Wort werden, etwa von Eheleuten zueinander, nachdem sie miteinander durch diese Tage des Leidens und Sterbens und der Auferstehung gegangen sind: "Ich bin auferstanden und nun immer bei dir!" Zum Wort, dass wir in unserer Gemeinschaft zueinander sagen als österliche Antwort auf die furchtbare Angst der Verlassenheit, das wir Menschen zusagen dürfen, die auf uns angewiesen sind: "Ich bin mit Christus auferstanden und nun immer bei dir."
Weil er es uns heute für immer zusagt: "Ich bin auferstanden und nun immer bei dir. Halleluja!"
© Michael Schapfel, 27. März 2006