Gottesdienst an der Deutschen Schule Washington
Gottes Dienst an der Deutschen Schule Washington
Wozu dient Gott an der Deutschen Schule Washington?
Predigt im Ökumenischen Gottesdienst der deutschsprachigen
christlichen Gemeinden
an der DSW am 9. September 2007
Vor einiger Zeit kam die Mutter eines unserer Schüler ganz aufgeregt in die Grundschule gestürmt. Sie hatte etwas erlebt, womit sie partout nicht gerechnet hatte. Was war geschehen? An einem herrlichen Tag, die wir ja gottlob hier häufig erleben dürfen, war diese amerikanische Mutter mit ihrem Sohn zusammen im Auto unterwegs. Die beiden fuhren durch die großartige Natur irgendwo hier in der Umgebung von Washington. Mit begeisterten Worten machte die Mutter ihr Kind auf die Schönheiten der Natur aufmerksam. Schließlich sagte der Junge: "Ja, und das alles hat Gott gemacht!" Dieser Satz fuhr der Mutter so in die Glieder, dass sie beinahe gegen einen Baum gefahren wäre. Sie hatte ihr Kind offenbar bisher chemisch frei von jeder Religion zu erziehen versucht und fragte, wer ihm denn das gesagt habe. Das habe er in der Deutschen Schule gelernt, sagte der Junge. - Das also war die Ausgangssituation, die die Mutter so aufgeregt in die Schule stürmen ließ, fassungslos darüber, dass in der DSW, die doch wohl keine kirchliche Schule sei, im Unterricht von Gott gesprochen wird.
Liebe Schwestern und Brüder, "Gottesdienst an der Deutschen Schule Washington", dieser schlichte und zunächst einmal recht formale Titel für das, was wir heute hier feiern, hat mich den Sommer über so beschäftigt, dass ich mich entschieden habe, kein anderes Thema für heute zu wählen als eben dieses: "Gottesdienst an der Deutschen Schule Washington". Wir können den Ausdruck "Gottesdienst" auch als zwei Wörter lesen, dann hieße unser Thema: "Gottes Dienst an der Deutschen Schule Washington", oder als Frage formuliert: "Wozu dient Gott an der Deutschen Schule Washington?" Dabei ist uns jedes einzelne Wort wichtig: Wir sind an der Deutschen Schule, das wurde der eingangs erwähnten Mutter in jenem Gespräch zu erklären versucht, dass wir zwar keine kirchliche Schule seien, aber auch keine Public School der USA, in der, was Gott und Religion angeht, andere Gesetze gelten als bei uns, die wir uns der deutschen Tradition, der europäischen, abendländischen, christlichen Tradition verpflichtet wissen. Wir sind aber auch nicht an irgendeiner Deutschen Schule, sondern in Washington, in der Hauptstadt jener Nation, an deren Anfang die strikte Trennung von Kirche und Staat steht. Niemals mehr wollten sich die freien Bürger dieses Landes von einer Obrigkeit vorschreiben lassen, was sie zu glauben und wie sie zu beten hätten. Der berühmte Satz "cuius regio eius religio" des Augsburger Religionsfriedens von 1555 klingt in den Ohren eines US-Amerikaners zu Recht furchtbar: Der, in dessen Region ich wohne, unter dessen Herrschaft ich lebe, dessen Religion muss ich annehmen? Um genau dem zu entgehen, waren die Pilgrim Fathers und viele andere aus Europa nach Amerika aufgebrochen. Dennoch - oder vielleicht gerade deswegen - erscheinen uns unsere amerikanischen Gastgeber als fraglos religiös, geben ihrem Glauben hemmungslos Ausdruck, bis hinein in Politik und Gesellschaft.
Ich weiss nicht, ob Sie unter diesem Gesichtspunkt etwa schon einmal das Jefferson-Memorial auf sich haben wirken lassen. Besuchen Sie es einmal wieder, es lohnt sich! Da findet sich zunächst der berühmte Satz der Declaration of Independence: "We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights, that among these are Life, Liberty and the pursuit of Happiness".
Dass alle Menschen die gleichen unveräußerlichen Rechte auf Leben, Freiheit und Streben nach Glück besitzen, wird also in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung damit begründet, dass alle gleich geschaffen worden sind und dass ihnen diese Rechte von Gott geschenkt worden sind, dass sie von ihrem Schöpfer damit ausgestattet worden sind. Wenn Sie dann einmal auf die linke Wand des Memorials schauen, finden Sie einen vielleicht noch bemerkenswerteren Satz, in dem Jefferson fragt: "Can the liberties of a nation be thought secure when we have removed their only firm basis, a conviction in the minds of the people that these liberties are of the gift of God?"
Können die Freiheiten einer Nation als sicher betrachtet werden, wenn wir ihre einzige beständige, feste Grundlage entfernt haben, die Überzeugung nämlich, dass diese Freiheiten eine Gabe Gottes sind? Ausgerechnet der ganz vom Geist der Aufklärung beseelte Thomas Jefferson, der ja konfessionell-kirchlicher Religion eher kritisch gegenübersteht, ist davon überzeugt, dass die Freiheit, dass die Grundrechte in der Luft hängen, letztlich der Beliebigkeit ausgesetzt sind, wenn es keine Autorität gibt, die über allen Regierungen dieser Welt steht, wenn der Mensch nicht mehr weiß, dass er sich einem Schöpfer verdankt.
Darum, liebe Schwestern und Brüder, darf die berechtigte Unabhängigkeit zwischen Religion und Staat, oder konkret zwischen Kirche und Schule, nicht dazu führen, dass wir gewissermaßen eine Orthodoxie des Atheismus entstehen lassen. Eine Orthodoxie des Atheismus, die behauptet, man sei dann "rechtgläubig", es sei "wissenschaftlich", man sei dann "vernünftig", wenn man nicht an Gott glaubt.
Ich bin überzeugt, dass das Gegenteil der Fall ist: Wenn eine Gesellschaft, eine Schule, eine Elterngeneration ihren Kindern und Jugendlichen ein Weltbild vermittelt, in dem Gott kein Thema ist, also die Welt, die Geschichte, den Menschen so darstellt, als ob es Gott nicht gäbe, dann betrügen wir unsere Kinder und Jugendlichen um Gott. Dann vermitteln wir ihnen ein Weltbild, das völlig in der Luft hängt, weil die Frage nach dem, woher wir kommen und wohin wir gehen, was unserem Leben letzten Halt gibt, gar nicht gestellt wird oder im noch schlimmeren Fall atheistisch beantwortet wird.
Beobachten Sie einmal, an wie vielen Stellen sich aus einer falsch verstandenen "political correctness" eine mindestens unbewusst atheistische Einstellung breitmacht. Dann beginnen wir so zu leben, als ob es Gott nicht gäbe. Wir Pfarrer fragen uns zum Beispiel, warum der Schulbeginn unserer Erstklässler ohne Gebet und Gottesdienst stattfinden muss, ist der Eintritt in die Schule doch für viele ABC-Schützen und ihre Eltern einer der großen Einschnitte im Leben, an dem es allen Grund gibt, sich an Gott zu erinnern und den wichtigen neuen Lebensabschnitt unter seinen Schutz zu stellen. Es könnte ja eine freiwillige Einladung sein. Ähnliches gilt für Graduation bzw. Abitur. Vielleicht liegt es an uns, vielleicht würden wir offene Türen einrennen, wenn die christlichen Kirchen dazu einladen würden. Vielleicht müssten wir Christen selbst oft mehr Mut haben, solche Fragen zu stellen.
Wir sollten jedenfalls gerne bereit sein, in naturwissenschaftliche und philosophische Diskussionen einzusteigen und zu vertreten, dass unser christlicher Glaube nicht nur vernunftgemäß ist, sondern nach meiner festen Überzeugung die vernünftigste Weltanschauung ist, die es gibt. Ich möchte Euch Jugendliche und Sie alle neu ermutigen, offensiver, nicht defensiv, nicht "verschämt", sondern "un-verschämt" Christen in dieser Gesellschaft zu sein.
Wenn also an einem der nächsten Tage in der Schule, an Ihrem Arbeitsplatz, in Ihrem Freundeskreis die Frage aufkommt: "Glaubst du an Gott? Gehst du in die Kirche?", dass wir dann nicht peinlich berührt herumdrucksen, sondern eher zurückfragen: Ja, du etwa nicht? Du wirkst doch sonst ganz vernünftig! Sie lachen? Ja, genau! Weil sich irgendwie der Bazillus breitgemacht hat, es sei vernünftiger, nicht religiös zu sein. Nein, umgekehrt! Vielleicht werden Lehrerinnen und Lehrer demnächst einmal von Schülern gefragt: Herr Soundso, Frau XY, sie glauben nicht an Gott, sie gehen nicht in die Kirche? Das hätte ich nicht gedacht! Sie wirken doch sonst ganz vernünftig! Und dass sie vielleicht gefragt werden: Woran glauben Sie denn? Worauf bauen Sie denn Ihr Leben?
Und dann sagen wir unseren Arbeitskollegen, Nachbarn und Freunden, woran wir glauben! Mit einem strahlenden Lächeln auf den Lippen, unaufdringlich, liebevoll und selbstbewusst: Ich glaube daran, dass jede und jeder einzelne von uns, die wir heute morgen hier sind, kein Produkt des Zufalls ist, keine Laune der Natur, sondern ein einzigartiger, unverwechselbarer Gedanke Gottes. Es gibt dich (an dieser Stelle wurden einzelne Namen von Anwesenden genannt und alle eingeladen, in Gedanken ihren eigenen Namen einzufügen) und mich, weil Gott uns gewollt hat. Jeder von uns ist eine kostbare, einzigartige Idee aus dem Herzen des dreifaltigen Gottes. Es gibt mich, weil einer mich von Ewigkeit her erdacht, gewollt und geliebt hat. Und er ist sogar für mich Mensch geworden, ja für mich am Kreuz gestorben. Wie könnte er anders als in jedem Augenblick meines Lebens um mich bedacht sein, für mich sorgen, Tag und Nacht an mir interessiert sein, um mich besorgt wie um seinen Augapfel, damit der große Plan, den er von mir hat, diese Lieblingsidee Gottes auch gelingt und damit wir schließlich am Ende unserer Tage heimfinden zum Vater? Kann man größer vom Menschen denken?
Meine Schwestern und Brüder, lassen Sie uns in diesem neuen Schuljahr, in diesem neuen Gemeindejahr unaufdringlich, aber selbstbewusst Zeugnis davon geben, warum wir Christen sind. Es ist ja nicht unser Verdienst, wir sind beschenkt mit unserem Glauben. Wir dürfen ihn nicht unter den Scheffel stellen, sonst werden die anderen uns einmal beim Jüngsten Gericht vorwerfen: Ihr habt es gewusst, aber habt es uns nicht gesagt, uns jedenfalls nicht überzeugend genug spüren lassen, dass an Gott zu glauben, alle Vorzeichen vor unserem Leben verändert; was es bedeutet, mit ihm zu rechnen, mit ihm zu leben.
Lassen Sie uns zum Schluss noch einen Blick auf dieses Plakat werfen, das N.N. (Name der Schülerin) aus der Jahrgangsstufe 12 am vergangenen Wochenende geschaffen hat. Seit Dienstag hat es im Eingangsbereich der Schule für diesen Gottesdienst geworben. N. hat sich inspirieren lassen von unserem Ökumene-Logo mit dem Boot, das Sie auf der ersten Seite des Gottesdienstheftes finden. Und sie kam auf den Gedanken, einen Engel darzustellen. Vor einiger Zeit gab es in Deutschland eine Umfrage, die sehr zum Erstaunen gerade auch vieler Theologen ergab, dass mehr Menschen an Engel glauben als an die Existenz Gottes. Besonders in der hebräischen Bibel steht der Engel Gottes häufig für Gott selbst. Wir haben am Dienstag im Religionskurs der Klasse 12 - angeregt durch dieses Bild - eine Art Brainstorming veranstaltet, aus dem dann auch die Fürbitten entstanden sind, die wir nachher beten werden. Die Schülerinnen und Schüler haben in diesem Engel mit seinen Flügeln besonders Gott als den gesehen, der uns behütet und beschützt. Das lateinische Wort, von dem unser deutsches Wort "Engel" kommt, "Angelus", bedeutet Bote. Der Engel ist ein Gottesbote, der die Gute Nachricht verkündet, uns Gottes Botschaft ausrichtet. Er hält uns das Boot entgegen, "bietet es uns an", hat ein Schüler gesagt, "es bleibt unsere Entscheidung, ob wir einsteigen". Er kommt unaufdringlich, einladend, werbend: Steig ein! Glaube mir! Vertrau auf Gott! Komm mit ins Boot, das seit alters her ein Symbol der Kirche ist!
Ein Gottesbote sollen wir aber auch immer mehr selbst werden. Fühlen Sie sich also eingeladen von diesem Engel, neu in Gottes Boot einzusteigen. Es gibt keinen besseren Platz in dieser Welt, in den Wogen der Zeit. Und: Lassen Sie uns selbst zu Botinnen und Boten Gottes werden, die den Menschen an dieser Schule, in der Botschaft, bei der Bundeswehr, in der Weltbank, in unserer Nachbarschaft und im Freundeskreis und wo immer sie uns begegnen, so wie dieser Engel unaufdringlich, aber auch "un-verschämt", liebevoll und selbstbewusst werbend, einladend das Boot anbietet. Das Boot steht für den, der unser Leben in seinen Händen hält, bei dem wir "safe" sind, wie ein Schüler gesagt hat. Es steht für den, aus dessen Herzen wir kommen und zu dem hin wir unterwegs sind. Er segne Sie alle, halte seine schützende Hand über uns und schenke uns ein gutes, gesegnetes Jahr. Amen.
© 2007 Pfarrer Michael Schapfel