Silvester
31. Dezember 2005

Der Jahreswechsel am 31. Dezember ist eigentlich ein künstlicher Einschnitt: Die Kirche hat ihr neues Jahr ja bereits am 1. Advent begonnen. Die Wintersonnenwende liegt schon über eine Woche zurück. Die Römer begannen ihr Jahr am 1. März, darum heißen die Monate September, Oktober, November und Dezember der siebte, der achte, der neunte und der zehnte.

Aber: Es tut uns gut, unserem Leben eine Struktur zu geben, auf einen bestimmten Abschnitt unseres Lebens zurückzuschauen und vorauszuschauen. Der Jahreswechsel lässt uns auch spüren, dass das Leben unaufhaltsam weiterfließt, dass Zeit verrinnt, dass unsere Lebenszeit begrenzt ist und wir verantwortungsvoll mit ihr umzugehen haben. Heute abend wird ein weiteres Jahr meines Lebens unwiderbringlich vorüber sein. Ich kann es nicht mehr zurückholen, das Rad der Zeit nicht zurückdrehen. Für jeden von uns galt es, im Jahr 2005 365 Tage, einmalige und unwiederholbare Tage dieses meines einen und einzigen Lebens zu gestalten ? in Verantwortung vor dem Schöpfer, vor den Menschen und vor mir selbst. Und ab morgen liegt ein neues Jahr vor uns, noch gänzlich unberührt wie frisch gefallener Schnee, in dem es noch keine einzige Spur gibt. Gott sei Dank dürfen wir heute nacht neu anfangen, weil der Herrgott neu mit uns anfängt, so wie er an Weihnachten einen neuen Anfang mit der Welt gemacht. So gibt er auch uns die Chance zu einem neuen Anfang.

Aber zuvor lassen Sie uns noch einen Augenblick zurückschauen auf dieses heute zu Ende gehende Jahr 2005. Ich lade Sie ein, heute abend drei Fragen nachzugehen: Erstens: Wofür möchte ich am Ende dieses Jahres besonders danken? Also auf das schauen, was uns das vergangene Jahr an Gutem gebracht hat; auf das, was uns gelungen ist; auf das was uns geschenkt worden ist. Wir tun auch gut daran, wenn wir uns der vielen Dinge bewusst werden, die uns bereits selbstverständlich geworden sind: dass wir unversehrt geblieben sind an Leib und Seele in diesem Jahr ausserordentlich grosser Naturkatastrophen, dass wir in Frieden leben können. Es ist gar nicht selbstverständlich, dass man nach vielen zurückgelegten Kilometern heil nach Hause zurückkommt und dass man einigermaßen gesund ist. Vieles können wir uns aus dem Leben nicht mehr wegdenken, es ist uns alltäglich geworden und ist dennoch ein Geschenk: die Zuneigung des Partners etwa, Freundschaft, eine gute Beziehung zu den Eltern oder zu Kindern. Auch dafür sollten wir Gott danken.

Zweitens: Was war mir im vergangenen Jahr am schwersten? Ereignisse, die Wunden hinterlassen haben; wenn etwa all zu früh ein lieber und vertrauter Mensch aus dem Leben gerissen worden ist; wenn gesundheitliche Probleme das eigene Leben oder das Leben eines nahe stehenden Menschen schwer beeinträchtigen; oder wenn man beruflich oder wirtschaftlich Rückschläge einstecken musste; oder wenn einem unverschuldet Böses angetan wurde, wenn eine Beziehung in die Brüche gegangen ist. Schauen Sie, dass Sie möglichst nichts unabgeschlossen im alten Jahr zurücklassen. Es ist heilsam, gerade das Schwere noch einmal vor Gott hinzulegen, ihm die Wunden zu zeigen und die Not, die wir damit haben, vor ihm zur Sprache zu bringen. Drittens: Was habe ich im vergangenen Jahr gelernt? Das kann aus positiven und aus schmerzlichen Erfahrungen geschehen. Eine junge Frau hat mir vor Jahren einmal erzählt, dass ihr Vater ihr oft gesagt hat: "Weißt du Kind: Alles im Leben bringt einen weiter!" Das klingt nach einem dummen Spruch, kommt einem ziemlich platt vor, besonders in Zeiten, in denen es einem schlecht geht. Aber es steckt eine tiefe Wahrheit darin: Wir verpassen Chancen; wir versäumen Gelegenheiten voranzukommen, wenn wir nicht an das, was uns im vergangenen Jahr geschenkt und zugemutet worden ist, die Frage stellen: Was möchte ich daraus lernen? Also: Was hat mich im vergangenen Jahr weitergebracht? Meinen Horizont geweitet? Was habe ich iefer verstanden? Was ist mir neu aufgegangen? Woran konnte ich wachsen? Mich weiter entwickeln? Ich möchte ja bis zum letzten Tag meines Lebens nicht aufhören zu streben, zu wachsen, mich weiter zu entwickeln! Vielleicht ist es die wichtigste Frage des heutigen Abends: Was nehme ich mit aus diesem Jahr 2005?

Und damit sind wir bei dem berühmten Thema "Vorsätze". Der Volksmund sagt ja, der Weg zur Hölle sei mit guten Vorsätzen gepflastert. Da steckt die Erfahrung dahinter, dass man sich schon allzu oft viel vorgenommen hatte und bald wieder die Flinte ins Korn geworfen hat. Also überlegen Sie es sich gut! Lieber weniger anzielen und es auch wirklich tun. Und besprechen Sie es mit Ihrem Herrgott! Ob es wirklich das ist, was er jetzt von Ihnen erwartet.

Wir haben uns heute abend bei IHM versammelt, um ihn zu bitten, dass er auch in Zukunft mit uns gehe. Niemand von uns weiß, was das kommende Jahr uns bringen wird. Wir hoffen und wünschen natürlich viel Gutes. Wir wissen, dass wir selbst dazu beitragen müssen, was in unserer Macht steht. Es tut aber gut zu wissen, dass einer mit uns geht, der selbst das menschliche Leben von allen Seiten kennt, auch von den dunklen. Es ist wohl kein Zufall, dass wir den Jahreswechsel mitten in diesen weihnachtlichen Tagen und unter der Botschaft von Weihnachten feiern: Im Advent haben wir die Worte des Propheten Jesaja gehört: "Sagt den Verzagten: Habt Mut! Fürchtet euch nicht! Seht, hier ist euer Gott, er selbst wird kommen und euch retten." (Jes 35,4); seit Weihnachten dürfen wir sagen: er selbst ist gekommen, um uns zu retten!

Er ist wirklich der "Immanuel", der "Gott mit uns" geworden! Er wird auch der Gott mit uns sein an jedem Tag des neuen Jahres. Gerade in Kreuz und Leid werden wir ihm am nächsten sein, und er uns! Sie alle kennen die Verse Dietrich Bonhoeffers, die er im Gefängnist geschrieben hat, in menschlich aussichtsloser Situation, ahnend, dass es es nicht mehr leben verlassen würde. Sie mögen über unserem Jahreswechsel stehen:
"Von guten Mächten wunderbar geborgen erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag."
Er wird mit uns gehen in ein neues Jahr!

© 2005 Michael Schapfel