Predigt bei der ersten Heiligen Messe
der Deutsch-Sprachigen Katholischen Gemeinde Washington
in der Kirche der Georgetown Preparatory School
Liebe Schwestern und Brüder,
seien Sie alle ganz herzlich willkommen zu unserem ersten Gottesdienst in dieser prächtigen Kirche, von der wir hoffen, dass sie unsere neue geistliche Heimat für viele Jahre werden wird. Lassen Sie mich versuchen, diesen Moment der Geschichte unserer Gemeinde und diesen Ort in einem ersten Entwurf zu deuten.
Wo sind wir gelandet?
Zunächst: bei der Gesellschaft Jesu, im allgemeinen Sprachgebrauch meist Jesuiten genannt, abgekürzt SJ, lateinisch Societas Jesu, englisch Society of Jesus, im Deutschen manchmal auch "Schlaue Jungs" genannt. Der Gründer des größten Männerordens der Kirche ist der heilige Ignatius von Loyola, 1491 in Nordspanien geboren. Sein Charisma und seine Gründung haben die Kirche der vergangenen fünfhundert Jahre tiefer beeinflusst als irgend eine andere Gemeinschaft oder Spiritualität. Bei den Jesuiten spielen Ausbildung und Erziehung eine große Rolle, sie haben unzählige Universitäten gegründet und lehren an noch weit mehr, auch nichtchristlichen Hochschulen in aller Welt. An ihrer römischen Universität, der "Gregoriana", studiert bis heute die Elite der Weltkirche. Der Generalobere der Jesuiten wird manchmal wegen des großen Einflusses seines Ordens der "schwarze Papst" genannt, weil er im Unterschied zum Papst eine einfache schwarze Priestersoutane trägt. Bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein haben die Jesuiten im deutschen Sprachraum und weit darüber hinaus die meisten Spirituale in den Priesterseminarien gestellt. Die geistlichen Übungen des heiligen Ignatius, die "Exerzitien", haben eine zentrale Bedeutung im Glaubensleben vieler Christen gewonnen. Aber die Gesellschaft Jesu will nicht nur in die Kirche, sondern in die gesamte Gesellschaft hineinwirken. Viele Jesuiten studieren neben Philosophie und Theologie noch mindestens ein weiteres "weltliches" Fach und haben Aufgaben in Wissenschaft, Wirtschaft, Kultur und Politik übernommen, in denen man sonst selten Priester findet. So haben sich etwa bei Pater Oswald von Nell-Breuning SJ fast alle deutschen Bundeskanzler beider Parteien von Konrad Adenauer bis Helmut Schmidt Rat geholt. 28 Universitäten in den USA sind in den Händen der Gesellschaft Jesu, darunter so berühmte Namen wie Fordham University in New York, Boston College und natürlich Georgetown. Man findet die Jesuiten aber auch bei den Ärmsten der Armen in Manhattan, wo sonst kaum jemand hingehen will. Wir sind also bei der Gesellschaft Jesu gelandet.
Wir sind in Georgetown Prep gelandet, 1789 gegründet von John Carroll, einem frühen amerikanischen Patrioten und Jesuiten, der im selben Jahr 1789 der erste amerikanische Bischof, Erzbischof von Baltimore, wurde, einem Bistum, das damals für die gesamten Vereinigten Staaten zuständig war. Sein Bruder, Charles Carroll, war einer der drei katholischen Unterzeichner der Declaration of Independence. John Carroll wollte, dass es in der Hauptstadt der neuen Nation eine katholische Schule geben solle, die junge Männer, von Anfang an Katholiken und Nichtkatholiken, aus allen Staaten der Nation zusammenbringen sollte. So gründete er Georgetown Prep und Georgetown University. Die Wurzeln dieses Ortes, dieser Schule, sind also eng verbunden mit den Wurzeln dieser Nation am Ende des 18. Jahrhunderts.
Ich möchte Sie ermutigen, einmal die Webseite www.gprep.org zu studieren. Ich war neu davon beeindruckt, wie die Gesellschaft Jesu ihre "mission" darstellt. So heißt es dort etwa: Die Studenten von Georgetown Prep werden beständig an ihre Verantwortung erinnert "Men For Others", Männer für andere zu werden. Dieses Thema findet ein Echo in einem anderen jesuitischen Satz, der häufig in Prep zu hören ist: "Ad Maiorem Dei Gloriam" - zur größeren Ehre Gottes. Viele Lehrer an der Prep erwarten nach wie vor von den Studenten, dass sie die Initialen A.M.D.G. über jeden Test und jedes Examen schreiben.
Wir sind am Ort einer reichen Geschichte angekommen. Aber wir wollen auch auf das Hier und Jetzt schauen: Wir befinden uns in den USA im Jahre 2008, im letzten Jahr der Bush-Administration. Das Land ist verwickelt in eine schier ausweglos erscheinende Situation im Irak und im gesamten Nahen Osten. Das internationale Ansehen der Vereinigten Staaten scheint auf einem Tiefpunkt wie lange nicht. Das Land befindet sich in einem Präsidentschaftswahlkampf, der mehr Leute, auch und gerade junge Leute bewegt als kaum je zuvor - insgesamt eine Situation, die viele Menschen zum Nachdenken bringt über die Situation und den Auftrag dieser Nation für die Welt und für die Menschheit. Ich erlebe jedenfalls viele Amerikaner, die neu zuhören und fragen, auch und gerade uns als Ausländer fragen.
Mitten in diese Situation hinein kommt am Dienstag Papst Benedikt XVI. nach Washington, wird in einer bisher einzigartigen Geste vom Präsidenten persönlich am Flughafen empfangen, begegnet dieser Nation, der katholischen Kirche und den Vertretern anderer Religionsgemeinschaften sowie schließlich den Vereinten Nationen.
In diesem historischen Moment sind wir hierher umgezogen Schauen Sie, es ist ja der eine Gott, der Geschichte schreibt, der eine und selbe Herr aller Geschichte, der Völker und Nationen, seiner Kirche, unserer Gemeinde und eines jeden einzelnen von uns. So bin ich persönlich am 18. April 2005, am Freitag werden es genau drei Jahre, hier in den USA angekommen. Die Kardinäle waren an diesem Tag im Konklave, einen Tag später wurde Kardinal Ratzinger zum Papst gewählt. Am Tag zuvor, als die Kardinäle ins Konklave einzogen, war das Gnadenbild der Gottesmutter von Altötting, aus der unmittelbaren Heimat Josef Ratzingers hierher nach Washington in den National Shrine gekommen. Er wird diese Woche vor der kleinen Statue beten.
Ihr, der Mutter Gottes und unserer Mutter, ist auch diese Kirche geweiht. Als ich diese Woche Gelegenheit hatte, mit dem Präsidenten von Georgetown Prep zu sprechen, hat er sich sehr darüber gefreut, dass diese Kirche "Our Lady" nun die Gemeinde "Our Lady" aufnimmt, unsere Gemeinde, der Kardinal Hickey seinerzeit das Patrozinium "Nativity of the Blessed Virgin" geschenkt hat. Ich lade Sie ein, in den nächsten Wochen einmal in Ruhe die herrlichen Fenster dieser Kirche zu betrachten. Jedes einzelne stellt die Gottesmutter unter einem ihrer Titel aus der Lauretanischen Litanei dar, die uns im Blick auf unsere Patronin neu inspirieren können.
Sie spüren, ich halte die Luft an angesichts der großen Dimensionen, die ich gerade etwas skizziert habe. Wir sind noch am Sondieren, am Tasten, wie Gott uns führen will, was er uns auf dem Weg hierher nach Georgetown Prep sagen will. Wenn mich nicht alles täuscht, dann ist in diesen Tagen und Wochen etwas vom Atem der Geschichte zu spüren, vom Atem Gottes. Ich ahne immer mehr, dass es in den vergangenen Wochen um mehr ging, als einfach nur eine praktische Lösung für unsere Gemeinde zu finden, sondern dass wir geführt worden sind von dem, der alle Geschichte in seinen Händen hält. Wir sind nicht mehr in einem Retreat Center, in das man sich zurückzieht, auch nicht mehr in einer eher unbekannten und manchem etwas dubios erscheinenden Schule in Potomac, sondern an einem Ort, der in dieser Stadt seit über zweihundert Jahren einen Klang hat, an einer Schule, deren Alumni man landauf, landab antrifft. Schon meine ersten Begegnungen hier in den vergangenen Wochen haben mich spüren lassen, dass wir in einer ganz anderen Weise als bisher mitten drin sein werden im Leben dieser Stadt.
Für mich bedeutet das auch, dass Gott etwas mit uns im Sinn hat. Dass wir einen Auftrag an diesem wohl nach wie vor politisch wichtigsten Ort der Erde haben. Gott hat etwas mit uns vor, wir haben eine Sendung in dieser Stadt, zunächst sicher für unsere Deutsche Schule, unsere Botschaften, die Bundeswehr und wo immer wir arbeiten, aber auch weit darüber hinaus für dieses Land und viele Menschen aus allen Nationen, denen wir hier begegnen.
Ich hoffe und bete, dass wir für lange Zeit hier zusammenkommen dürfen, an diesem heiligen Ort dem lebendigen Gott begegnen, Kraft und Orientierung finden für unseren Dienst hier in Washington; dass von diesem Haus Gottes aus eine Gemeinde wächst, die ausstrahlt, die viele Menschen aufmerksam macht, anzieht, ihnen Heimat wird. Ich bin überzeugt, dass dies eine Aufgabe ist, für die es sich lohnt, unsere Kraft und Liebe einzusetzen. Gott ist am Werk, das haben wir in den vergangenen Wochen unübersehbar erfahren. Jesus, der Auferstandene, ist hier. Maria, seine und unsere Mutter, hat in dieser ihrer Kirche schon auf uns gewartet, auf unsere Gemeinde, die ihr geweiht ist und ihren Namen trägt. Unter ihrem Schutz dürfen wir heute diese neue Wegstrecke unserer Gemeinde beginnen. Ich möchte Ihnen neu zusagen, dass ich meine besten Kräfte dafür zur Verfügung stellen will. Wenn viele von Ihnen mittun, dann wird von hier aus mit der Gnade Gottes Großes geschehen, dann wird Jesus, der Auferstandene, hier viele Herzen an sich ziehen, sie berühren, entzünden und verwandeln.
Lassen Sie uns heute miteinander Gott für seine wunderbare Führung danken und ihn um eine gute, gesegnete Zukunft für uns alle bitten.
© 2008 M. Schapfel