Christmette
24. Dezember 2005
Von dem großen österreichischen Komponisten Anton Bruckner wird erzählt, dass er einmal in der Christmette die Orgel gespielt habe. Als die Leute am nächsten Morgen zur Hirtenmesse in die Kirche kamen, war Bruckner immer noch da. Gefragt, was er denn die ganze Nacht in der Kirche gemacht habe, gab er zur Antwort: "Ich werde einfach nicht damit fertig, dass Gott Mensch geworden ist!" Ich werde einfach nicht damit fertig! Das ist das erste, was ich Ihnen zu diesem Weihnachtsfest wünschen möchte:
dass Sie nicht fertig werden damit, dass Gott Mensch geworden ist, ob Sie 20 oder 40 oder 80 Jahre alt sind, wie oft auch immer Sie in Ihrem Leben schon Weihnachten gefeiert und die Botschaft dieser Heiligen Nacht gehört haben.
Dass es um Himmels willen nicht ein "Alle Jahre wieder" wird in dem Sinn: Man weiß ja schon, was kommt. Da bewegt sich nichts mehr. An den Hirten von Bethlehem und den Weisen aus dem Morgenland kann man ablesen, dass man nicht sitzen bleiben darf, wenn man diesem Kind begegnen will.
Und ich wünsche uns, dass wir das Staunen nicht verlernen. Es ja wirklich die unwahrscheinlichste aller Botschaften: Gott kommt als Kind! Was da im Stall von Bethlehem geschieht, ist mehr als eine romantische Idylle: Alles, wonach der Mensch sucht und verlangt, ist beschlossen in diesem Kind: Gott wird einer von uns, versteckt sich nicht hinter den Mauern seiner Ewigkeit und schaut von ferne zu. Gott bleibt nicht fernab, in sicherer Distanz. Er kommt zu den Menschen, weil sie ? jede und jeder einzelne ? ihm nicht gleichgültig sind, weil ich und Sie, weil wir ihm nicht gleichgültig sind. Für uns und um unseres Heiles willen! Gott wird Mensch und wohnt unter uns.
Und darum geht ihn seit dieser Nacht die Welt und ihr Schicksal selber an. Sie ging ihn immer schon an, weil er ihr Schöpfer ist, so wie einem Handwerker, einem Architekten, einem Künstler sein Werk nicht gleichgültig ist. Aber jetzt ist sie nicht mehr nur sein Werk; jetzt sieht er ihrem Lauf nicht mehr nur zu, jetzt ist er selber drinnen. Jetzt ist ihm selbst zumute, wie es uns zumute ist. Er teilt unser Schicksal: unsere Freude und unsere Not. Er hat nichts ausgelassen von dem, was Menschen bedrängt und knechtet, beschwert und umbringt. Er ist im doppelten Sinn des Wortes ein "heruntergekommener" Gott! Jetzt brauchen wir ihn nicht mehr zu suchen in den Unendlichkeiten des Himmels, jetzt ist er auf unserer Erde, auf der es ihm nicht besser geht als uns, auf der ihm keine Sonderregelung zuteil wurde, sondern in der er Angst gelitten hat, Versuchungen, Einsamkeit, Feindschaft, Todesangst und ein elendes Sterben.
Wie sehr muss ihm an uns liegen, an mir liegen, an dir, der du heute abend zu später Stunde hierher in die Kapelle der Heights School gekommen bist: ob Du ein regelmäßiger Kirchgänger bist oder ob es dich vielleicht nur zur Christmette hierher in die Kirche gezogen hat. Du bist herzlich willkommen! Nicht wir, der Pfarrer, nicht einmal die Gemeinde sind die Einladenden, wir sind ja selbst Eingeladene, eingeladen von diesem Kind, auf das in dieser Nacht alle Welt schaut.
Ich werde einfach nicht damit fertig, dass Gott Mensch geworden ist! Sie werden vielleicht nicht die ganze Nacht hier bleiben wollen wie Anton Bruckner. Aber wenn es etwas gibt, was ich Ihnen mit auf den Weg geben möchte in diese Nacht und in die kommenden Tage, dann dies: Tun Sie einmal nichts anderes, als vor dem Kind in der Krippe zu verweilen, vielleicht einmal in einer Kirche, vor Ihrer Weihnachtskrippe zuhause; wenn bei Ihnen zuhause keine steht, dann haben Sie vielleicht eine Weihnachtskarte mit der Darstellung der Geburt Jesu erhalten, wie auch immer: Tun Sie einmal morgen und in den nächsten Tagen zehn Minuten nichts anderes als dieses Kind zu betrachten, und lassen Sie aus Ihrem Herzen aufsteigen, was sich dann tief in Ihrer Seele meldet. Dieses Kind ist der große, gewaltige Gott, der Schöpfer des Universums, mein Herr und mein Gott, einer von uns geworden, klein, verletzbar, schwach, ohnmächtig: für uns und um unseres Heiles willen, für mich, mir zum Heil, damit ich das Heil finde ... Spüren Sie, ob dieses Kind an Ihre Seele rühren darf; schämen Sie sich nicht, wenn es Sie vielleicht zu Tränen rührt, dann sind Sie ganz nahe bei sich selbst, bei Ihrem eigenen inneren Schatz, bei Ihrem freien und gesunden Ich.
Und lassen Sie sich von diesem Kind sagen, was es Ihnen in dieser Heiligen Nacht sagen möchte,
die Botschaft dieses Kindes für Sie an diesem Weihnachtsfest 2005.
Das Wort, das dieses Kind heute nacht für Sie hat, ist immer neu, einmalig. Es ist ein anderes Wort als das für Ihre Nachbarin, Ihren Nachbarn jetzt in der Bank und ein anderes als vor einem Jahr. Aber seien Sie gewiss: Es ist ein Wort des Lebens für Sie ganz persönlich. Lassen Sie sich von diesem Kind sagen, wo Sie in Ihrem Leben einen Schritt weiter gehen können, wachsen dürfen, über sich hinaus wachsen dürfen, und folgen Sie diesem Wort in den nächsten Tagen, nehmen Sie es als Lebenswort mit in das neue Jahr! Sie werden staunen!
Und beten wir füreinander, dass dieses Kind wirklich die Herzen erreicht und verwandelt, ganz konkret: Beten Sie jetzt in dieser Heiligen Messe für die Menschen, die gerade links und rechts, vor und hinter Ihnen sitzen ? und für die, denen Sie in den nächsten Tagen begegnen werden. Ich bete heute nacht für Sie alle, dass diese unwahrscheinlichste aller Botschaften Ihr Herz und Ihr Leben erreicht, besonders dorthin dringt, wo noch Finsternis und Nacht ist, und so alle Nacht unseres Lebens zur Weihnacht wird, zur Heiligen Nacht.
© 2005 Michael Schapfel